31 Days of Darkness
31 Tage.
Ein Keller.
Eine Lüge.
Und zwei Wendungen, die dir den
Boden unter den Füßen wegziehen
Im Dezember öffne ich keinen
Adventskalender.
Ich öffne eine Tür, die man besser
geschlossen hält.
Ab 1.12. gibt’s jeden Tag ein Stück
aus meinem Kurzthriller.
1. Dezember
Alexandra packt ihre persönlichen Sachen und bleibt noch kurz auf ihrem Bürosessel sitzen. Es ist spät, als sie endlich den Heimweg antreten kann. Ihr Überstundenkonto ist prallvoll, und die Ringe unter ihren Augen werden immer schwieriger zu überdecken. Täglich trifft sie kurz vor sieben in dem großen Bürokomplex ein, und selten verlässt sie ihren Arbeitsplatz vor zwanzig Uhr. Ihr Chef hat ihr kurz vor Feierabend ein volles Diktiergerät auf den Tisch gelegt und sie gedrängt, es heute noch fertig zu bekommen. „Morgen steht ein verdammt wichtiger Termin an. Wir müssen gut vorbereitet sein. Ein lukrativer Fall für unsere Kanzlei“, argumentierte er. Er bat sie höflich, doch beide wissen, dass sie den Job unbedingt braucht, also bestand keine Sekunde lang Zweifel, dass sie sich die Nacht um die Ohren schlagen würde. „Wenn Kerstin wieder gesund ist, nimmst du dir mal ein oder zwei Tage frei“, setzte er noch nach, als würde das etwas besser machen.
Alex musste auch heute, wie so oft in letzter Zeit, für ihre Kollegin einspringen. Kerstin hatte letzten Monat eine schwere Operation, und ständig verschiebt sich ihre Rückkehr. Alexandra hat Mitleid mit ihrer Kollegin, keine Frage, aber die permanenten Überstunden zerren an ihren Kräften.
Sie kann es nicht ändern und im Grunde findet sie auch wieder etwas Gutes an der derzeitigen Situation im Büro. Auch wenn es sie stört, immer so spät unterwegs sein zu müssen, kann sie das Geld ganz gut gebrauchen. Ihr Arbeitgeber zahlt die Überstunden aus, und das ist für sie im Moment ein Glücksfall. Sie muss zurzeit für zwei verdienen.
Müde und kraftlos lehnt sie sich zurück, legt kurz die Beine auf den Tisch und hängt ihren Gedanken nach. Sie ist allein im Büro, und auf die paar Minuten kommt es nun auch nicht mehr an.
Thomas hat mal wieder aufs falsche Pferd und damit einen Teil ihrer gemeinsamen Ersparnisse in den Sand gesetzt. Er hält sich für einen begnadeten Finanzexperten, spekuliert mit Aktien und träumt davon, reich zu werden. Doch in Wahrheit wird ihr Geld immer weniger statt mehr. Dennoch klammert er sich an seine angebliche Expertise wie ein Ertrinkender an eine rettende Boje. Irgendwann macht er den Deal des Jahrhunderts. Daran glaubt er ganz fest.
Seinen Traum untermauert er damit, dass er durchaus schon Glück hatte und tatsächlich die ein oder andere Ausschüttung genießen durfte. Aber in Summe geht es eher steil nach unten als nach oben. Alexandra glaubt nicht wirklich, dass das auf lange Sicht erfolgreich sein wird. Sie würde es bevorzugen, wenn er wieder mehr Stunden in seinem alten Job als Automechaniker arbeiten würde.
Zeit nach Hause zu gehen. Alex schaudert bei dem Gedanken, jetzt, nach zweiundzwanzig Uhr, ins Untergeschoss zu fahren, um den langen, schlecht beleuchteten Weg in der Tiefgarage hinter sich zu bringen. Sie war schon immer sehr ängstlich und das Parkhaus fasst beinahe dreihundert Stellplätze. Und ihrer ist – wie es für kleine Sekretärinnen vorgesehen ist – ganz hinten. Natürlich.
2. Dezember
Am Weg zum Lift kommt sie am schwarzen Brett vorbei. Automechaniker dürften gefragt sein. Zwei Aushänge mit Jobangeboten prangen wie ein Mahnmal dort. Alex bleibt stehen und versinkt schon wieder in Gedanken. Würde Tom doch nur wieder Vollzeit arbeiten, dann wäre alles etwas leichter. Dem Unternehmen, in dem ihr Freund arbeitet, ging es einige Zeit nicht gut. Sie mussten Kurzarbeit anmelden. Jetzt, wo das Geschäft jedoch wieder brummt, könnte Tom viele Aufträge übernehmen. Doch er ist nach der verordneten Arbeitszeitkürzung einfach bei der reduzierten Variante geblieben, um sich auf den Börsen dieser Welt schlauzumachen – sehr zum Missfallen seines Chefs, aber auch zu ihrem.
Sie liebt Thomas. Mehr als alles andere. Ja, er zockt gerne und bekommt nicht viel auf die Reihe, aber er ist gutmütig und hat ein großes Herz. Eines, das er ihr geschenkt hat und das sie nicht wieder loslassen möchte. Alexandra hofft, dass er irgendwann von selbst vernünftig wird. Sie will Kinder, mindestens zwei, und sie will nicht jeden Monat das Geld zählen und einteilen müssen. Solange seine „Phase“, wie sie das alles insgeheim nennt, andauert, stemmt sie den Großteil der monatlichen Kosten.
Die Situation ist nicht optimal, aber wenn Tom seine Stunden wieder aufstockt und auf keine miesen Aktien mehr hereinfällt, können sie gut leben und sich irgendwann sogar etwas mehr leisten. Dafür müsste ihr Freund aber endlich in die Gänge kommen. Andernfalls müsste sie ihren Vater um ein Darlehen bitten, und das ist so ziemlich das Letzte, was sie will. Ihre Familie ist nicht nur vermögend, sondern auch ziemlich abgehoben. Alexandras Mutter ist eine Grande Dame der Gesellschaft. Im Grunde hat sie nie viel geleistet, wenn man „gut einheiraten“ nicht als Leistung anerkennt. Dennoch legt sie eine Attitüde an den Tag, als hätte sie kurzerhand den Weltfrieden hergestellt. Nichts kann man ihr recht machen, und das Hauspersonal scheucht sie permanent durch die Villa. Einfach nur, weil sie es liebt, wenn sie zeigen kann, wer hier das Sagen hat.
Ihr Vater ist der geborene Geschäftsmann. Kalt und unnachgiebig. Man kann ihm wenig vorwerfen, was seinen Fleiß und Unternehmergeist betrifft. Menschlich und als Vaterfigur dafür umso mehr. Er ist skrupellos. Er tut gerne so, als wäre das florierende Unternehmen ausschließlich seiner Genialität geschuldet. Und ja, er arbeitet hart und hat ein gutes Gespür für Geschäfte. Dennoch handelt es sich in Wahrheit um „altes Geld“. So wie sein Vater, Alexandras Großvater, hat er ein beachtliches Vermögen sowie das gut gehende Unternehmen geerbt und betreibt es nun weiter.
Das war auch stets der Plan für Alexandra. Sie sollte ein Wirtschaftsstudium absolvieren und sich dann von ihrem Vater unter die Fittiche nehmen lassen, bis sie so weit ist, um ins Unternehmen einzusteigen. Schließlich soll es in der Familie bleiben. Sie sollte vernünftig heiraten und als taffe Geschäftsfrau die Kramer AG an der Seite ihres Vaters in hohe Sphären katapultieren, bevor sie es irgendwann gänzlich übernehmen wird. Nachdem den Kramers kein zweites Kind und somit kein „Thronfolger“ gegönnt war, setzt Kramer Senior widerwillig auf seine Tochter. Setzte, wenn man es genau nimmt. Denn Alexandra tanzt nicht nach seiner Pfeife. Sie hat andere Pläne und interessiert sich nicht im Geringsten für den Großbetrieb. „Du musst Ahnung vom Geschäft haben, sonst geht alles den Bach hinunter. Willst du dafür verantwortlich sein, dass ein Familienunternehmen in vierter Generation absäuft? Seit jeher lebst du dein Prinzessinnendasein genau von diesem Geld. Und du, undankbares Gör, willst einfach keine Verantwortung übernehmen.“ So oder so ähnlich klingt beinahe jedes Gespräch, wenn sich Alexandra zwingt, an Feiertagen in der Villa anzutanzen und am imposanten Esstisch Platz zu nehmen.
Jetzt ist es wirklich Zeit. Sie drückt die Ruftaste und nur wenige Sekunden später, öffnen sich die Türen mit einem lauten „Pling“. Alex erschrickt, worüber sie sich ärgert. Das Geräusch höre ich jeden Tag, Herrgott nochmal. Kopfschüttelnd steigt sie ein und drückt den Knopf für die Tiefgarage.
3. Dezember
Langsam geht sie zu ihrem Wagen. Ihre Schritte hallen durch den leeren Betonkomplex. Von weitem sieht sie den blitzblauen Smart. Sie liebt den kleinen Flitzer. Besonders, weil es ihren Vater beinahe zur Weißglut treibt, wenn diese „nicht standesgemäße Blechschüssel“, wie er immer sagt, mitten in seiner riesigen Auffahrt steht. Der kleine Wagen ist schick und man bekommt überall einen Parkplatz. Außerdem sind sie und Tom nur zu zweit, und solange das so ist, will sie ihr Schnuckelchen nicht hergeben. Der Verbrauch ist gering, das kleine Fahrzeug hat kaum Gewicht und verursacht wenig Luftwiderstand. Für einen größeren Wagen hat sie im Moment kein Geld, und wenn sie Annegret und Alfred Kramer damit auch noch ärgern kann, dann zahlt es sich doppelt aus. Sie grinst.
Das Grinsen vergeht Alexandra aber schnell, denn sie muss wieder an ihre finanzielle Situation denken und betet, dass sie ihre Eltern nicht doch um ein kurzes Darlehen fragen muss. Sie kann ihren Vater schon regelrecht zetern hören: „Hab ich es dir nicht gesagt? Er ist ein Verlierer! Und du bist nicht viel besser! Gegen jede Vernunft musstest du ja dein eigenes Ding durchziehen! Alle Türen habe ich dir geöffnet, aber du musstest ja deinen Sturkopf durchsetzen! Und was hast du nun davon? Kommst betteln! Hast du keinen Stolz? Nein, ein Darlehen bekommst du von mir nicht! Verlass den Trottel und hol endlich dein Studium nach, dann kannst du in die Kramer-AG einsteigen. Dort, wo dein Platz ist.“
Zwei Jahre geht ihre Beziehung schon. Es gab schon so einige Aufs und Abs, aber ihre Liebe ist so stark wie am ersten Tag. Auch Tom ist der Meinung, dass Lexi, wie er sie immer nennt, ins Unternehmen ihres Vaters einsteigen und ein völlig unverhältnismäßiges Gehalt abkassieren sollte. Er versteht nicht, warum sie sich weigert. Sie will ihn nicht verletzen, daher hat sie ihm nie verraten, dass eine der Bedingungen ihres Vaters, sie aufzunehmen, ist, Tom in den Wind zu schießen. Tom glaubt, dass sie Versagensangst hat und deshalb kein Studium absolvieren möchte, und auch, dass sie zu stur ist, um sich der Familie zu beugen. Das ist unfair, aber sie klärt seinen Irrglauben nicht auf.
Tom benimmt sich in Gegenwart ihrer Eltern immer besonders affig. Er möchte ihnen imponieren und glaubt, dass sie ihn gut leiden können, obwohl ihr Vater immer ziemlich grob zu ihm ist. Tom sieht es einfach nicht. Er ist ein Träumer und blendet die bissigen Kommentare ihrer Eltern einfach aus. Alex muss sich immer zurücknehmen. Am liebsten würde sie ihren Eltern die Meinung geigen, aber die Situation würde bestimmt eskalieren. Zwar müsste sie dann an Weihnachten und Ostern nicht mehr die verhassten Pflichtbesuche machen, aber es würde Tom hart treffen, wenn er die Wahrheit kennen würde. Das hat ihr lieber Freund, den sie – sobald sie die finanziellen Mittel dafür aufbringen kann – heiraten will, nicht verdient. Sie will Tom ihren Eltern nicht zum Fraß vorwerfen. Jedes Mal stürzen sie sich wie Aasgeier auf ihn, und er bemerkt es noch nicht einmal. Deshalb setzt sie alles daran, dass kaum Kontakt besteht. Eben nur, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt. Was wiederum Tom nicht versteht. Lange wird sie diese Scharade nicht mehr aufrechterhalten können. Spätestens wenn die Kramers Alexandras und Toms Hochzeit fernbleiben, fliegt alles auf.
Aber das ist noch weit weg, also konzentriert sich Alexandra wieder auf den Weg vor sich. Jedes Steinchen unter ihren Sohlen macht unheimliche Geräusche und jeder Windhauch fühlt sich wie die Berührung eines Fremden an.
4. Dezember
Ein scharrendes Geräusch lässt Alex hochschrecken. Was war das? Schnell bewegt sie sich auf ihr rettendes Auto zu, sie hat ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Irgendwie fröstelt es sie. Sie fühlt eine Bedrohung, die sie nicht nennen kann, die aber einfach nicht verschwinden will. Der leere Betonkomplex ist nur von schwachem Neonlicht erhellt, das flackernd die Schatten tanzen lässt. Sie beschleunigt ihre Schritte, den Schlüssel hält sie in ihrer rechten Hand.
Alexandra spürt kalten Wind im Gesicht. Beinahe fühlt es sich wie eine Warnung an, und sie beginnt zu laufen. Dabei zieht sie ihren Mantel enger um ihren Körper und presst ihre Handtasche fest an sich.
Erneut lässt sie dieses Geräusch, das nicht hierhergehört, aufhorchen. Es hörte sich wie ein Kratzen an, so als würde jemand etwas über den Boden schleifen. War das Einbildung? Oder ist da wirklich jemand? Im Augenwinkel nimmt si einen Schatten wahr, doch bevor sie sich umdrehen kann, greift eine Hand nach ihr und umklammert sie. Sie wird hochgehoben und alle ihre Versuche, den Angreifer zu treten, gehen ins Leere. Bevor sie um Hilfe rufen kann, wird ihr ein Tuch auf Mund und Nase gedrückt. Der scharfe Geruch von Chloroform brennt, und ihre Augen beginnen zu tränen. Sie versucht, sich zu wehren, doch ihre Kräfte schwinden und tiefe Dunkelheit verschlingt sie.
5. Dezember
Alex erwacht mit heftigen Kopfschmerzen. Sie liegt auf einer alten, muffigen Matratze, ihre Hände sind mit Kabelbindern hinter ihrem Rücken gefesselt und ihr Mund ist völlig ausgetrocknet. Der Raum um sie herum ist dunkel, nur ein schwacher Lichtschein dringt durch einen winzigen Spalt unter einer Tür hindurch. Zumindest glaubt sie, schemenhaft eine Tür wahrzunehmen.
Kurz flackert in ihr die Hoffnung auf, dass sie einen Albtraum hat. Ihr schmerzender Kopf und ihre drückende Blase lassen sie aber daran zweifeln. Alexandra versucht, sich aufzurichten, und sofort schneiden die Fesseln in ihre Handgelenke. Träge beginnt sie zu realisieren, dass das hier leider kein Traum ist.
Ihr Herz beginnt zu rasen, und sofort folgt sie ihrem ersten Impuls. Laut schreit Alex um Hilfe! Ihr Atem geht stoßweise, und ihr Herz schlägt so schnell und hart gegen ihre Brust, als wäre es der Bass eines Techno-Beats. „Hilfe! Wo bin ich? Hört mich denn niemand?“, schreit sie verzweifelt in den finsteren, kalten Raum. Keine Antwort. Absolute Stille, nur ihre eigene Stimme hallt von den kahlen Wänden zurück.
Das bringt nichts. Sie zwingt sich zur Ruhe. Panik hilft ihr nicht weiter. Stattdessen konzentriert sie sich darauf, ihre Umgebung wahrzunehmen. Viel sieht sie nicht, also versucht sie, sich auf ihre anderen Sinne zu verlassen. Sie spitzt die Ohren. Es ist absolut still. Kein Straßenlärm, kein Vogelgezwitscher. Der Raum muss schalldicht oder komplett abseits jeglicher Zivilisation sein.
Als Nächstes nimmt sie einen tiefen Atemzug. Feuchte Luft. Modriger Geruch. Holz? Sie muss den Raum abtasten. Ihre Hände kann sie dafür aber nicht benutzen. Sie blickt nach unten. Schuhe trägt sie keine mehr. Ihre High Heels, die sie auf dem Nachhauseweg von der Arbeit noch anhatte, sind weg. Wo sind die? Bestimmt hat man sie mir weggenommen, damit ich den Stöckel nicht als Waffe einsetzen kann. Barfuß streicht sie über den Boden und die Wand neben ihr. Sie fühlt kalten Beton, kleine Steine und Schmutz unter ihren Füßen. Die Wand ist rau, nicht verputzt oder gestrichen, analysiert sie ihre Erkenntnisse. Vielleicht ein Keller? Vielleicht ein alter Luftschutzbunker oder ein Nebenraum in einer stillgelegten Fabrikhalle? Alexandra ist sich nicht sicher. Eindeutig ist nur, dass sie hier völlig allein und gefesselt ist. Dass sie jemand entführt und ihr die Schuhe gestohlen haben muss und sie hier festgebunden hat. Völlige Verzweiflung droht sie zu übermannen. Unkontrolliert laufen ihr Tränen über die Wangen, und sie ist einer Panikattacke nahe. Was, wenn ich hier einfach verdurste? Oder wenn ich vergewaltigt, gefoltert und umgebracht werde? Die nicht verschwinden wollende Gänsehaut auf ihrem Körper tut bereits weh und die Beklemmung raubt ihr den Atem.
Dann ein Geräusch. Schritte, die sich nähern. Die Tür geht auf, der Lichtstrahl einer Taschenlampe trifft sie im Gesicht und blendet sie für einen Moment. Alex schreit erschrocken auf.
6. Dezember
„Endlich wach?“ Die Stimme eines Mannes, die durch einen Stimmverzerrer blechern klingt, ertönt. Ein leichter Lichtstrahl lässt sie Umrisse erkennen. Er tritt näher. Der Kerl trägt dunkle Kleidung, Handschuhe und eine schwarze Skimaske mit Aussparungen bei Augen und Mund. Wie ein Bankräuber. Erneut entfährt Alexandra ein ängstlicher Schrei. „Du solltest besser still sein. Es liegt nicht in meinem Interesse, dir wehzutun, aber das muss nicht so bleiben.“
Alexandra muss die gesprochenen Worte erst sortieren. Er will ihr nicht wehtun. Ja, das hat er gesagt. Aber stimmt das auch? Oder will er sie nur dazu bringen, sich ruhig zu verhalten? Wer entführt jemanden brutal und sperrt ihn ein, wenn er nichts Böses im Sinn hat? Das ist schwer vorstellbar. Dennoch steht er einfach nur da und beobachtet sie.
Wenn es aber stimmt, was will er dann von mir? Alexandras Gedanken überschlagen sich. Heißt das, er will sie nicht vergewaltigen und foltern, so wie sie es sich in den letzten Minuten ausgemalt hat? So, wie es in ihren heiß geliebten Thrillern immer der Fall ist, wenn eine Frau entführt wird? Abermals kommt ihr der Gedanke von vorhin. „Er will mich nur dazu bringen, still zu sein. Vielleicht ist der Keller – oder wo auch immer ich mich gerade befinde – nicht schalldicht. Vielleicht befürchtet er, dass mich jemand hört, wenn ich schreie“, überlegt sie.
Sofort brüllt sie wieder lautstark um Hilfe. Eine Ohrfeige trifft sie hart im Gesicht. „Klappe halten, hab ich gesagt!“ Noch mehr heiße Tränen laufen Alexandra über ihre schmerzende Wange. Von wegen, er will mir nicht wehtun. Verschreckt zieht sie sich in die Ecke zurück und beobachtet jede Bewegung des maskierten Kerls. Er ist groß, aber nicht sonderlich sportlich, glaubt sie zumindest zu erkennen.
Er setzt sich auf einen Stuhl und schweigt Alex an. Seit er sie geschlagen hat, hat er kein Wort mehr zu ihr gesagt und ist ihr auch nicht mehr nahegekommen. Bis auf die Ohrfeige hat er ihr noch nichts getan und er wirkt auch nicht so, als würde er es in Erwägung ziehen. Die meiste Zeit sitzt er still da und beobachtet sie. Fast so, als würde er nur auf sie aufpassen. „Ist er nur der Handlanger von irgendwem? Kommt der echte Täter erst? Hm, nein, das klingt nicht sonderlich realistisch“, überlegt sie. Er scheint nervös zu sein, glaubt Alexandra zumindest. Sie ist sich aber nicht sicher, ob sie sich in dieser Ausnahmesituation auf ihre Beobachtungsgabe verlassen kann.
Es kann nur um eine Lösegeldforderung gehen, fällt es ihr plötzlich wie Schuppen von den Augen. Natürlich! Sie ist eine Kramer. Jeder hier in der Gegend weiß, dass ihre Eltern vermögend sind. Diese Erkenntnis lässt sie hoffen, heil aus der Sache herauszukommen. So heil wie es geht, wenn man den psychischen Schaden, den sie zweifelsohne davontragen wird, nicht berücksichtigt.
Ihr Entführer weiß bestimmt nicht, dass sie seit Jahren keinen Cent von ihrem Vater bekommt, geht es ihr durch den Kopf. "Warum tust du das?", fragt sie vorsichtig. Doch ihr kommt weiterhin nur eisernes Schweigen entgegen. „Brauchst du Geld? Ist es das? Ich habe ausreichend. Ich bin Alexandra Kramer, aber das weißt du bestimmt. Lass mich gehen. Ich zahle dir, was immer du willst, und ich werde dich auch nicht anzeigen. Schließlich hast du mir nichts getan!“, bettelt sie.
Er schweigt lange. Alex rechnet mittlerweile nicht mehr mit einer Antwort, doch dann murmelt er durch seinen Stimmverzerrer: "Das kann sich ändern, wenn du nicht endlich deinen Mund hältst!"
7. Dezember
„Okay. Das war wohl nichts. Aber das Gefühl, dass er mehr auf sie aufpasst, als tatsächlich handgreiflich zu werden, verstärkt sich von Minute zu Minute. "Was könnte dahinterstecken?", überlegt sie fieberhaft. „Wer hätte etwas davon, mich einige Zeit aus dem Verkehr zu ziehen? Ich bin nur eine Sekretärin in einer Anwaltskanzlei. Mit den Klienten habe ich kaum etwas zu tun, und die Protokolle, die ich schreibe, sind meist nicht sehr brisant.“ Mit ihrem Job kann es nichts zu tun haben. Sonst hat Alexandra auch keine Feinde, zumindest nicht wissentlich.
Sofort muss sie an den ekelhaften Typen von vor vier Wochen denken. Vaters langjähriger Golffreund und Geschäftspartner hat einen Sohn. Leopold Junior. Allein gegen den Namen sträubt sich in Alexandra alles. Wer nennt sein Kind heutzutage bitte Leopold? Und dieser Leopold Junior trägt nicht nur den gleichen Namen, er ist das Abbild seines arroganten Vaters. Ein Großindustrieller, der in einer vielversprechenden Geschäftsbeziehung mit der Kramer AG steht.
Er wurde ihr auf einer der berühmten Kramer-Dinnerpartys vorgestellt. Alex hat sofort die Flucht ergriffen, als ihr bewusst wurde, was da gespielt wird. „Wie ein Kamel auf einem arabischen Markt hat mich Papa angepriesen!“, murmelt sie wütend vor sich hin. Bei der Erinnerung, wie sie dieser hässliche Kerl mit seiner Halbglatze und der Hornbrille, die ihn intelligent aussehen lassen soll, siegessicher und arrogant gemustert hat, überkommt sie Übelkeit. Einfach nur ekelhaft.
Kann es sein, dass der maskierte Typ dieser Leopold ist? Seine Stimme wird durch so ein Ding, in das er hineinspricht, verzerrt. Also könnte sie ihn daran wiedererkennen, überlegt Alexandra. Dem Kerl, dem bisher alles in den Schoß geworfen wurde, traut sie es sogar zu. Bei dem Date, das ihre Väter organisiert hatten, schien er beinahe besessen von ihr zu sein. Oder von der Idee, dass Geld und Macht heiraten sollten. Hätte sie nicht rechtzeitig die Flucht ergriffen, hätte er sie wahrscheinlich noch am selben Abend und an Ort und Stelle in den Stand der Ehe geführt. Möglich wäre es demnach durchaus. Aber was verspricht er sich davon? Sie hegt so oder so schon eine große Abneigung gegen ihn, das hier würde nicht dazu beitragen, dass sich dies ändert. Womöglich möchte er Tom weismachen, dass ich ihn seinetwegen verlassen habe, holt meine Sachen und… nein, das ist zu weit hergeholt. Oder? Wenn ich mich ein paar Tage nicht melde und nicht nach Hause komme, würde es womöglich den Anschein machen. Ist das der perfide Plan? Das würde doch nie funktionieren. Dafür müsste er sie ja mehrere Wochen oder länger hier gefangen halten, damit sie den Irrtum nicht aufklären kann. Sofort bekommt sie Panik. Bitte nicht! Ich will nicht monatelang hier auf der alten Matratze dahinvegetieren. Würde Leopold Junior so weit gehen, um seinen Willen durchzusetzen? Alexandra ist sich nicht sicher. Leopold und sein Sohn sind es gewohnt, zu bekommen, was sie wollen.
Alexandras Gedanken fliegen nur so herum und ihre Nerven sind zum Zerreißen gespannt. Es kann immer noch sein, dass er über sie herfällt. Der Umstand, dass er es bisher nicht getan hat, heißt nicht, dass das auch so bleiben wird. In einem Buch hat sie von einem Serienvergewaltiger gelesen. Er war stets ruhig und freundlich, bis er plötzlich in eine andere Identität schlüpfte und mit verstellter Stimme zu einem Monster wurde. Immer, wenn ihn etwas getriggert hatte.
Was würde ihn triggern?
8. Dezember
Soll ich ruhig bleiben, so wie er es befohlen hat? Soll ich betteln und weinen? Würde ihn das erweichen oder eher wütend machen? Am liebsten würde sie ihn beschimpfen und ihm all die Wut, die langsam die Angst verdrängt, entgegenspeien. Aber sie traut sich nicht. Im Moment scheint es die beste Lösung zu sein, sich völlig ruhig zu verhalten.
Lange hält sie es aber nicht aus, denn ihre Blase drückt schon seit Stunden. „Ich muss pinkeln“, platzt es aus ihr heraus, obwohl sie eigentlich lieber nichts gesagt hätte. Ein grantiges Schnaufen kommt aus der Ecke, in der der Kerl sitzt und sie anstarrt. „Halt es zurück!“, blafft er sie an. „Das geht nicht. Ich muss wirklich dringend, bitte!“ Wütend steht ihr Entführer auf und verlässt kurz den Raum. Sie erspäht einen Blick nach draußen. Dunkle Treppen, die steil nach oben führen. Mehr kann sie nicht erkennen. Sie unterdrückt den Impuls, sofort wieder zu schreien, jetzt, wo die Tür offen ist und sie vielleicht doch jemand hören könnte. Alexandra bleibt stumm. Was auf Schreien folgt, hat sie vorhin gespürt.
Der Kerl kommt mit einem Eimer und Toilettenpapier zurück und stellt es vor ihr ab. „Siehst du mir dabei zu? Dann kann ich nicht“, versucht sie, ihn auf Distanz zu halten. „Dann eben nicht! Entweder pisst du jetzt in den Eimer oder du lässt es sein. Nicht mein Problem“, ertönt die verzerrte Stimme. Man kann seinen Unmut deutlich hören, und Alexandra will ihn nicht weiter reizen. Dennoch muss sie ihre Fesseln loswerden. Zum einen kann sie sich nicht entkleiden, und zum anderen hofft sie, dass sie, sobald er sie losgemacht hat, die Gelegenheit bekommt, ihm den Eimer über den Schädel zu ziehen und zu flüchten. Der Gedanke kam ihr eben, als sie das massive Metallteil sah. Mit einem Eimer aus Plastik wäre dies unmöglich, aber der hier könnte tatsächlich als Waffe dienen. Das ist meine Chance, überlegt sie, während sie ihm ihre gefesselten Hände entgegenstreckt.
Nur so dumm, wie sie dachte, ist der Kerl leider nicht. Ohne auf ihre Hände zu achten, zieht er ihr mit einem Ruck den Rock hoch. „Nein!“, entfährt ihr ein erschrockener Schrei. Alex beginnt zu zittern. Nicht vor Kälte, die nimmt sie kaum wahr. Nun steht sie in ihrem beinahe durchsichtigen Höschen von Victoria's Secret – mit dem sie eigentlich Tom heute überraschen wollte – mit gefesselten Händen in einem Keller vor einem Maskierten, der sie unverhohlen anstarrt. Er leckt sich über seine Lippen und Alexandra erschaudert. Scheiße! Warum habe ich nicht einfach auf die Matratze gepinkelt?
So gut es geht, wappnet sie sich gegen einen Angriff. Sie will ihn treten und mit dem Eimer attackieren, wie auch immer sie das gefesselt schaffen will.
„Stell dich nicht so an“, pflaumt er sie an. Mit einer schnellen Bewegung reißt er ihr den zarten Stoff von ihrem Unterleib und steckt das Höschen ein, bevor sie reagieren kann. Alexandra zuckt erneut erschrocken zusammen und ein Schrei entfährt ihr. Sofort rechnet sie mit einem Schlag, aber dieser bleibt aus. Scham und Angst überkommen sie. Jetzt ist es so weit. Jetzt wird er über mich herfallen, denkt sie panisch.
9. Dezember
Mit einem festen Druck auf ihre Schultern presst er sie auf den Eimer und lässt sie nicht los. Er hat Kraft und sie kann sich nicht hochstemmen. Ihr Fluchtplan schwindet dahin. In der Position kann sie gar nichts ausrichten. Erneut überkommt sie Panik und ihr Körper verweigert. Es dauert lange, bis sich die ersten Tropfen den Weg in den Eimer bahnen. Doch irgendwann kann ihre Blase der Angst nicht standhalten und Alex hört das Plätschern und spürt die Erleichterung im Unterleib.
Ihr Entführer zieht sie wieder in eine aufrechte Position, dreht sie um, sodass sie ihn nicht treten kann, und streift den Rock nach unten. Das Toilettenpapier bleibt unberührt. „Gott sei Dank! Wenn er … weiter will sie nicht denken. Zu froh ist sie, dass er scheinbar tatsächlich kein Interesse daran hat, sie unsittlich zu berühren oder gar Schlimmeres. Er schubst sie bloß zurück auf die Matratze. Sie sitzt jetzt in der Ecke und presst sich an die Wand. Sie will so weit wie möglich von ihm entfernt sein, was in diesem engen Betonbunker keine leichte Übung ist. Ihre Beine hat sie gerade vor sich ausgestreckt. Zu gerne würde sie ihre Knie aufstellen, sie an sich pressen und sich so klein wie möglich machen, aber sie trägt unter dem Rock kein Höschen mehr. Nur weil er sie bisher nicht betatscht hat, muss sie ihn nicht herausfordern. Der lüsterne Blick vorhin ist ihr nicht entgangen, als sie fast nackt vor ihm stand. Demnach dürfte er Interesse an Frauen haben. Dass er die Situation dennoch nicht nutzte, spricht dafür, dass er kein Vergewaltiger ist, sondern andere Motive haben muss, sie hier festzuhalten.
Stunde um Stunde vergeht, also zumindest fühlt es sich so an. Kann sein, dass es auch nur Minuten sind. In akribischer Feinarbeit zerrt sie an ihren Fesseln. Sie kann nur kleine Bewegungen machen, denn sie steht unter ständiger Beobachtung. Aber der Druck um ihre Handgelenke lässt etwas nach. „Oder bilde ich mir das nur ein?“, überlegt sie. Aber das will sie nicht gelten lassen, denn andernfalls befürchtet sie, den Verstand zu verlieren. „Nein! Ich spüre es deutlich“.
Alex überlegt weiter. „Vielleicht geht es doch um Kohle. Vielleicht glaubt er, dass er von ihrem Vater mehr erpressen kann als von ihr“, überlegt sie. „Oder es hat einen völlig anderen Grund. Aber was ist es dann? Er hat kein Interesse in sexueller Hinsicht. Er foltert und quält mich nicht. Geld scheint er auch nicht zu wollen. Was soll der ganze Mist hier?“
Langsam wird sie müde. Niemals könnte sie jetzt schlafen, aber sie merkt die Strapazen deutlich. Und sie hat Hunger. Aber viel schlimmer ist ihr Durst. Sie will keinesfalls um etwas zu trinken bitten, denn dann müsste sie die demütigende Toilettensituation erneut hinter sich bringen. Sie will es so lange wie möglich hinauszögern. Ein Vorhaben, das definitiv nicht lange halten wird, denn ihre trockene Kehle schreit förmlich nach Flüssigkeit. Nach wie vor weiß sie jedoch nicht, was der Typ von ihr will, und möchte ihn keinesfalls reizen. Weder mit Worten noch mit ihrem entblößten Unterleib.
„Du musst Hunger haben. Ich komme gleich wieder“, spricht er in sein Gerät, steht auf und geht. Krachend fällt die Tür hinter ihrem Entführer ins Schloss. Sie hatte vorhin die Zeit genutzt, um den Raum nach kleinen, blinkenden Lichtern abzusuchen, aber keine entdeckt. Das Verlies dürfte nicht videoüberwacht sein. Oder ihr Entführer ist professioneller, als es den Anschein macht, und hat sie perfekt versteckt. Dass er im Vorfeld weder den Eimer noch Wasser im Raum deponiert hat, lässt eher vermuten, dass er ein Amateur ist und die Entführung eine nicht von langer Hand geplante Aktion gewesen sein muss. Sie vertraut darauf, dass sie mit ihrer Einschätzung recht hat, und zerrt wie verrückt an den Fesseln. Erneut glaubt sie, dass sie sich etwas weiten, aber sie sind viel zu fest, um sie tatsächlich lösen zu können.
10. Dezember
Die junge Frau nimmt wieder Schritte wahr und hört sofort auf. Jedoch tritt ihr Peiniger nicht ein. Stattdessen ertönt ein Summen. Es erinnert sie an einen Schwarm Hornissen, wie damals in Großvaters Jagdhütte, zu der er sie als kleines Mädchen öfter mitgenommen hat. Eines der Biester hat sie damals gestochen. Sie musste sogar ins Krankenhaus, so stark war das Gift. An den Schmerz erinnert sie sich gut. Sofort überkommt sie neuerlich Panik. Was, wenn der Kerl doch völlig geisteskrank ist und mich von diesen Mistviechern attackieren lässt, bis ich daran elend zugrunde gehe? Gänsehaut zieht sich über ihren gesamten Körper. Doch dann hört sie eine Stimme. Ein Flüstern, aber in der Stille ihres Verlieses kann sie die Worte ganz gut verstehen.
„Natürlich nicht. Das haben wir vereinbart. Sie ist unversehrt. Aber schön langsam nervt sie mich. Die ganze Zeit starrt sie mich vorwurfsvoll an! Mach endlich. Lange halte ich das nicht mehr aus!“ Wie bitte? Er hält das nicht mehr lange aus? Spinnt der komplett? „Ich bin hier die Gefangene, du Arsch“, würde sie ihm am liebsten durch die verschlossene Tür entgegenbrüllen. Aber sie lässt es und lauscht weiter.
„Wann will der alte Knacker die Kohle endlich rüberwachsen lassen? Was? Morgen? Sollen wir die ganze Nacht hierbleiben? Das war so nicht ausgemacht, Tom!“
„Tom? Hat er tatsächlich gerade Tom gesagt, oder habe ich mir das nur eingebildet? Nein, ich habe es gehört. Meint er meinen Tom?“ „TOM! TOM HILF MIR! ICH BIN HIER GEFANGEN!“, schreit Alexandra hysterisch durch die Tür und schlägt mit ihren gefesselten Händen dagegen.
Ein Poltern lässt sie hochschrecken. Der Kerl muss mit der Faust gegen die Tür geschlagen haben. „Halt's Maul, du Miststück!“, dröhnt eine sonore Stimme zu ihr in den Raum. Er hat in seiner Wut über ihren Hilferuf scheinbar den Stimmverzerrer vergessen. Irgendwie kommt ihr die Stimme bekannt vor. Oder? Sie kann sie nicht einordnen.
Alexandra krabbelt die zwei Meter, die sie sich vorwärts bewegen konnte, bis sie an der Tür angelangt war, langsam rückwärts und kauert sich auf die kleine, schmuddelige Matratze. Tom? Hat er eben mit MEINEM Tom telefoniert? Aber das würde ja bedeuten… Nein! Das ist ausgeschlossen. Thomas ist ein sehr gängiger Name. Das könnte jeder gewesen sein. „Mein Schatz kann damit nichts zu tun haben“, murmelt sie gebetsmühlenartig immer wieder vor sich her. „Das hat er nicht getan!!! Nein, niemals! Oder? Ein kleiner Zweifel keimt dennoch in ihr. „Er ist in großer Geldnot, und wenn mit dem alten Knacker mein Vater gemeint war, dann könnte er tatsächlich… bitte nicht!!! Das darf er mir nicht antun. Nicht mein geliebter Schatz.“
Sofort hasst sie sich für den Gedanken und scheucht ihn weg.
11. Dezember
Quietschend öffnet sich die Tür. Der Kerl scheint jetzt viel größer zu sein als vorhin. Und er schnaubt vor Wut. „Habe ich dich bisher nicht gut behandelt? Willst du, dass ich andere Saiten aufziehe?“ Alexandra schluchzt und stottert ein kaum hörbares „Nein“ in seine Richtung. „Bleib, wo du bist, und iss, bevor ich mich vergesse“, droht er und wirft ihr sowohl eine Flasche Wasser als auch ein verpacktes Sandwich und einen Apfel auf ihre weiche Unterlage. „Wie soll das gehen?“, stammelt sie und deutet mit dem Kopf nach hinten. Wütend kommt er auf sie zu und zückt ein Messer. Alexandras Augen weiten sich, aber sie bewegt sich keinen Millimeter. Er schnappt ihren Arm und ihr entfährt ein schmerzverzerrter Schrei, als er sie unsanft auf den Bauch dreht. Mit einem Ruck schneidet er ihre Fesseln durch. Alex will sofort nach ihm schlagen, aber ihre Arme gehorchen nicht. Sie sind steif und schmerzen, nachdem sie stundenlang hinter ihrem Rücken angebunden waren. Ihr Entführer scheint zu ahnen, was sie vorhat. Er hält ihr das Messer vors Gesicht und bellt sie an, sich umzudrehen und die Hände vor ihm auszustrecken. Keine Sekunde lässt er sie aus den Augen. Er greift mit seiner freien Hand in seine Tasche und zieht neue Kabelbinder heraus. Diese bindet er ihr wieder um ihre Gelenke und zurrt sie fest zu. Danach tritt er hinaus. Die beinahe vollkommene Dunkelheit, in die der Raum nun wieder getaucht wurde, ist beklemmend und beruhigend zugleich. Wenn er nicht hier ist, kann er mir nichts tun. Dass sie nun wieder von neuem beginnen muss, ärgert Alexandra, dennoch ist sie froh, dass ihre Hände nun vor und nicht mehr hinter ihrem Körper gefesselt sind.
Alexandra trinkt gierig, doch der Appetit ist ihr vergangen. Sie legt das belegte Brot und den Apfel zur Seite. Nicht einen Bissen würde sie jetzt hinunterbringen. Kurz darauf öffnet sich erneut die Tür und ihr Entführer wirft ihr eine Decke aufs Bett. Es brennt ihr unter den Nägeln, einfach zu fragen, ob es wirklich IHR Tom gewesen sein kann, mit dem er vorhin telefoniert hat, aber sie traut sich nicht. Sie hat Angst, ihn erneut wütend zu machen, aber noch viel mehr Angst hat sie vor dem Schmerz, sollte sich ihr Verdacht bewahrheiten.
Die Decke ist angenehm warm, wenn auch etwas kratzig. Sie wickelt sich ein. Endlich kann sie eine entspannte Haltung einnehmen. Selbst wenn sie allein im Raum war, wollte sie ihre Beine nicht anziehen. Falls es doch Kameras gibt. Alexandra fallen immer wieder die Augen zu und bald kann sie ihre Müdigkeit nicht mehr unterdrücken. Ihre Arme werden immer schwerer und ein unsichtbares Gewicht scheint sie nach unten zu drücken.
„War in dem Wasser etwa ein Schlafmittel? Oder ein anderes Gift? Ist es das, was hier gespielt wird? Fällt er über mich her, wenn ich schlafe?“, treiben sie müde Gedanken vor sich her. Immer wieder schreckt sie hoch, aber nach und nach fällt sie in einen unruhigen Schlaf.
12. Dezember
Als Alexandra die Augen aufschlägt, steht Frühstück vor ihrer alten Matratze. Von ihrem Entführer fehlt jede Spur. Auch ein Becher mit Kaffee ist dabei, und er ist sogar noch warm.
Ihr Kopf brummt und ihr Körper ist etwas steif von der durchgelegenen Matratze und den doch sehr niedrigen Temperaturen in dem Verlies. Trotz der Decke. „Hallo! Bist du da?“, ruft sie in Richtung Tür. Keine Antwort. Alexandra konnte es sich oft beim Lesen nicht vorstellen, aber jetzt in dieser Situation kann sie nachempfinden, dass man tatsächlich sowohl Angst hat, dass der Entführer kommt, als auch, dass er nicht kommt.
Sie ist sich sicher, am Vorabend betäubt worden zu sein, und versucht, sich zu fokussieren, ob sie sich an irgendetwas erinnert oder Schmerzen im Unterleib verspürt. Aber da ist nichts. Entweder hat er sie nicht vergewaltigt oder er ist nicht brutal vorgegangen. Sie ist sich sicher, dass sie es spüren würde, wäre ein Fremdkörper in ihr gewesen. Auch den Geruch von Sperma, den feine Nasen wie ihre durchaus wahrnehmen können, glaubt sie nicht zu riechen. Ebenso wenig wie den untrüglichen Gummigeruch, der in der Luft liegen würde, hätte er ein Kondom benutzt. Der Raum hat keine Fenster. Irgendetwas würde sie riechen, da ist sie sich sicher. Ihr Geruchsorgan ist extrem empfindlich. Tom nannte sie oft liebevoll „seine kleine Spürnase“.
Tom! Sofort wird ihr schwer ums Herz. Ist er wirklich der Drahtzieher der Sache und der Kerl nur sein Komplize? Hat er befohlen, dass ihr kein Haar gekrümmt werden darf? Die Überlegung ist schlüssig, aber sie will sie einfach nicht zulassen. Und wenn er nichts mit der Sache zu tun hat, wovon sie viel eher überzeugt ist, macht er sich doch sicher schreckliche Sorgen, überlegt Alexandra. Sie ist immer zuverlässig, und er hat bestimmt die ganze Nacht kein Auge zugetan. Noch nie ist sie einfach nicht nach Hause gekommen. Er muss krank vor Sorge um sie sein.
Auch wenn sie nicht will, macht sie sich nun doch über das Frühstück her. Ihre Kehle ist trocken und ihr Magen schmerzt bereits vor Hunger. Es hat keinen Sinn, sich noch länger selbst zu quälen. Auf Dauer wird sie die fehlende Flüssigkeitszufuhr und den Verzicht auf Nahrung nicht aushalten. Noch dazu könnte er das unberührte Frühstück als Trotzreaktion einordnen und wütend werden. Sie braucht Kraft, wenn sie sich irgendwie aus dieser misslichen Lage befreien möchte, ist ihr klar.
Langsam kaut sie an der Toastbrotscheibe und schlürft den mittlerweile kalten Kaffee. Normalerweise trinkt sie ihn mit Milch. Der hier ist schwarz. Sie rümpft die Nase, mahnt sich aber dann selbst: „Sei froh, dass du etwas bekommst und dass er dir nichts antut. Du bist hier nicht in einem Luxushotel.“
Alexandra beängstigt der Umstand, dass sie immer mehr in Selbstgespräche verfällt, aber mit wem sollte sie sonst reden? Die Stille macht sie verrückt. „Auch egal, wovon genau ich den Verstand verliere, denn das wird sowieso passieren, wenn ich nicht bald hier rauskomme“, murmelt sie weiter vor sich hin.
Nachdem sie etwas Kraft getankt hat, macht sie sich wieder an ihren Fesseln zu schaffen. Ihre Gelenke schmerzen bereits und sie sind wundgescheuert. Aber sie muss weitermachen. „Heute bekomme ich sie auf, und dann gnade dir Gott!“, flucht sie gegen die Tür. Ob er sie nun beobachtet oder nicht, sie arbeitet weiter an ihrer Befreiung. Sogar den kleinen Plastikbecher, in dem der Kaffee war, hat sie in Stücke gerissen und versucht, mit der scharfen Kante etwas zu bewirken, was natürlich nicht im Geringsten funktioniert. Frustriert lässt sie sich zurück auf ihre Unterlage sinken.
13. Dezember
Stunde um Stunde vergeht, ohne dass etwas passiert. Von ihrem Entführer fehlt jede Spur. Alexandra bekommt langsam Panik, dass dieses Frühstück ihr letztes Mahl war. “Vielleicht hat der Wahnsinnige irgendeinen Bezug zur Bibel. Womöglich zeigt sich jetzt sein tatsächlicher Geisteszustand, indem er das letzte Abendmahl, auch wenn es ein Frühstück war, inszeniert hat”, grübelt sie und versucht, ihre aufkeimende Panik zu unterdrücken. “Es ist möglich”, seufzt sie, “schließlich kann ich nicht einschätzen, ob es Morgen, Mittag oder Abend ist. Das Frühstück wäre natürlich ein Indiz, aber ein sehr dünnes. Vielleicht gibt es doch eine Kamera hier im Raum und er sieht mir dabei zu, wie ich langsam verrecke? Es könnte sein, dass er irgendwo sitzt, mir zusieht und sich totlacht. Bestimmt ergötzt er sich, mir dabei zuzusehen, wie sich die leise Hoffnung, die ich bis vor kurzem noch hatte, in bittere Erkenntnis verwandelt“, überlegt Alexandra weiter, und ihre Angst sowie ihre Wut wachsen ins Unermessliche.
Irgendwann muss sie eingeschlafen sein, denn als sie ihre Augen öffnet, steht neues Essen im Raum. Noch so ein verdammtes Sandwich. Soll eine erwachsene Frau davon satt werden? Alexandra greift danach, ebenso nach der Flasche Wasser. Ihr ist inzwischen bewusst, dass er ihr etwas ins Essen oder in die Getränke mischt, dennoch kann sie hier nicht einfach verdursten. Sie nimmt es in Kauf. „Vielleicht ist es sogar besser. Vielleicht bleibe ich hier mehrere Wochen oder sogar Monate. Nicht immer wach zu sein, ist jedenfalls angenehmer, als sich permanent den Kopf zu zerbrechen“, überlegt sie und isst zaghaft das Brot. Andererseits ist es ein unfassbar beklemmendes Gefühl, ständig in ein schwarzes Loch zu fallen und nichts um sich herum zu bemerken. Dann bin ich noch hilfloser, als ich ohnehin schon bin.
Ob sie sich das Wasser einteilen sollte? Wenn sie alles auf einmal trinkt, hat sie nichts für später. Wenn sie sparsam trinkt, wirkt das Schlafmittel oder was auch immer er ihr verabreicht, nicht voll und sie bekommt es vielleicht mit, wenn er das nächste Mal auftaucht. Wenn es aber im Essen war, schläft sie ohnehin ein und die Kopfschmerzen werden beim Aufwachen höllisch sein, wenn sie so wenig Flüssigkeit aufnimmt. Kleine Schlucke oder alles auf einmal? Ich kann mich nicht entscheiden, verdammt! Dann eben fifty-fifty. Die eine Hälfte jetzt, die andere später. Außerdem finde ich so vielleicht heraus, wo sich das Betäubungsmittel befindet. Wenn ich wieder aufwache, ohne irgendetwas wahrgenommen zu haben, ist es in den Broten. Darauf kann ich länger verzichten als auf Wasser.
Aufgrund der wenigen Flüssigkeit, die sie erhält, hält sich auch ihr Drang, auf den Eimer zu gehen, in Grenzen. Die paar Mal schiebt sie sich mühsam mit ihren gefesselten Händen den Rock hoch und versucht, beim Hocken nicht die Balance zu verlieren. Sie würde der Länge nach hinknallen und sich auch noch verletzen. Das Toilettenpapier hat er wieder mitgenommen. Warum nur? War es ein Versehen oder Absicht? Sie kann sich nicht säubern. Wenn er wiederkommt und sie den Mut dazu aufbringt, will sie ihn um Neues bitten. Es ekelt Alexandra inzwischen vor sich selbst, und sie fürchtet, demnächst wunde Stellen zu bekommen, wenn sie ihren Urin immer auf der Haut trocknen lassen muss. Wären ihre Hände frei, könnte sie vielleicht etwas Innenfutter von ihrem Rock trennen.
Dass sie die Fessel tatsächlich aufbringt, glaubt sie nicht mehr. Sie sind gewiss etwas lockerer als anfangs, aber das ist auch schon alles. Sie leckt sich über ihr Handgelenk und schmeckt eingetrocknetes Blut. Kein Wunder, sie hat sich seit gestern ununterbrochen die Gelenke wundgescheuert. Alex verlässt der Mut, und die Verzweiflung, die sie lange etwas verdrängen konnte, übernimmt wieder die Kontrolle. Sie weint in die schmuddelige Matratze und denkt an Tom. Wie passt er ins Bild? Ist er wirklich so abgebrüht oder ist er ebenfalls verzweifelt, weil sie spurlos verschwunden ist?
14. Dezember
Herz oder Verstand? Alexandra entscheidet sich für ihren Freund. Sie stellt sich vor, wie Tom den Raum stürmt, sie hochnimmt und auf seinen starken Armen nach draußen trägt. „Komm, Lexi, mein Schatz. Ich bringe dich nach Hause“, hört sie ihn in ihrer Fantasie sagen. Sie malt sich aus, wie er ihren Entführer überwältigt und endlos auf dieses Monster einprügelt. Wie er ihn wütend anbrüllt und ihm zurückzahlt, was er ihr angetan hat. Denkt er gerade an mich? Was würde er jetzt machen, wenn er wüsste, was mir passiert ist? Bestimmt würde er, rasend vor Zorn und Sorge um mich, alle Hebel in Bewegung setzen, um mich zu finden und zu befreien. Mit dem Gedanken sinkt sie wieder in einen tiefen Schlaf.
Plötzlich vernimmt sie wieder eine Stimme vor der Tür. Sie blinzelt. „Ich muss schon wieder eingeschlafen sein“, murmelt sie. „Wie? Eine Verzögerung? Was soll das heißen, verdammt? Das dauert zu lange! Tom, ihre Eltern werden nach ihr suchen. … Das ist mir egal, droh‘ ihm! Sag ihm, dass du ihr einen Finger nach dem anderen abschneidest, wenn er die Geldübergabe noch länger hinauszögert. Der knausrige Alte schindet nur Zeit, damit die Polizei sich einen Plan überlegen kann. Mach Druck! Ich will hier weg. … Nein! Wegen dir lass‘ ich mich nicht erwischen. Eher verschwinde ich und lasse sie hier verdursten. Ich habe kein gutes Gefühl. … Ja, das sagst du! Du bist ja nicht derjenige, der hier ist. Du liegst bequem auf dem Sofa, während ich hier in diesem Drecksloch sitze… Wenn sie uns finden, kriegen sie mich dran. Aber ich schwöre dir, ich zieh‘ dich mit rein. Alleine gehe ich dafür nicht in den Knast. … Ja, das will ich dir auch raten!“
Konzentriert hat Alexandra das Gespräch mitangehört. Direkt aus dem Schlaf eine einseitige Unterhaltung sinnerfassend zu verarbeiten, ist gar nicht so einfach. Aber sie ist sich sicher, alles richtig verstanden zu haben, und kann sich die Antworten des Gesprächspartners halbwegs zusammenreimen.
Alex kann kaum glauben, was sie da hört. Es lässt sich nun schwer wegargumentieren, dass ihr Freund in der Sache mit drinsteckt. Anscheinend ist Tom ein mieser Verräter. Anscheinend hat sie sich die ganze Zeit in ihm getäuscht. Dass ihr Vater die Lösegeldübergabe hinauszögern will, wundert sie nicht. Bestimmt sucht er irgendeinen Ausweg, um sein geliebtes Geld nicht zu verlieren. Wahrscheinlich würde wirklich erst einer meiner Finger in einem Paket auf der Türschwelle liegen müssen, damit er die Sache ernst nimmt. Schon wieder steigen ihr Tränen in die Augen. Sie ist nur von bösartigen Menschen umgeben, stellt sie gerade fest. Ein Freund, der sie entführt und in einem Verlies hungern lässt und zulässt, dass sie völlig entblößt vor diesem Schwein den Eimer benützen muss, und ein Vater, der für die Freilassung seiner Tochter nicht zahlen will, obwohl er im Geld schwimmt. Danke! Danke für nichts!
Noch nie hat sich Alexandra so alleingelassen gefühlt. Nicht, weil sie hier völlig alleine eingesperrt ist, sondern weil alle Menschen rund um sie einfach nur egoistische Schweine sind, wie sie eben erfahren hat. Weil sie entweder Profit aus ihr schlagen wollen oder sie ihnen schlichtweg egal ist. Im Moment ist ihr der Entführer noch die liebste Person. Wütend lässt sie sich nach hinten fallen und murmelt in sich hinein: “Er lügt mich wenigstens nicht an. So wie Tom mich die letzten beiden Jahre scheinbar ständig belogen hat. Er hat mir die große Liebe vorgespielt, nur scheinbar liebt er meinen Nachnamen mehr als mich.”
15. Dezember
Die Tür geht auf, und der Maskierte tritt ein. Er blickt zum Eimer und gibt ein würgendes Geräusch von sich. Das hast du nun davon, würde sie ihm am liebsten entgegenpfeffern, lässt es aber. Die Luft in dem fensterlosen Raum ist schrecklich. Moder und Urin mischen sich. Es gibt keine Frischluftzufuhr. Wenn unter dem kleinen Spalt unter der Tür nicht etwas Sauerstoff durchkommen würde, wäre ich schon erstickt, überlegt sie. Was will er sich beschweren? Ich muss das die ganze Zeit aushalten. „Selber schuld, wenn du dich ekelst. Ich pinkle nicht freiwillig in den Scheißeimer!“, rutscht es ihr dann doch heraus. Sofort drückt sie sich noch weiter in die Ecke und zieht umständlich die Decke höher. Als ob diese sie vor den Schlägen schützen könnte, die sie erwartet. Doch ein Wutausbruch bleibt aus. Er übergeht ihren Affront und schnappt sich wortlos den Eimer. Wie konnte ich mich dazu nur hinreißen lassen? Ich darf ihn nicht gegen mich aufbringen. Ich bin gefesselt und ihm völlig ausgeliefert. Nicht gerade die Position, in der man frech sein sollte.
Die Tür fällt krachend ins Schloss, und das bereits gewohnte Geräusch des sich drehenden Schlüssels erfüllt den Raum. Seine Schritte werden immer leiser, und dann ist es wieder vollkommen still. Nachdem sie sonst nichts zu tun hat, geht Alexandra eng an den Wänden entlang und versucht zu ertasten, ob die Mauer irgendwo einen Riss oder eine andere Schwachstelle hat. Sie klopft umständlich mit den gefesselten Händen alles ab, aber dem Geräusch nach dürfte sich nirgends ein Hohlraum hinter den Wänden befinden. Es ist zum Verzweifeln. Die Fessel bringt sie nicht auf, und der Bunker oder Keller scheint für den Dritten Weltkrieg gebaut worden zu sein. Kein Geräusch dringt von draußen herein, kein Licht kommt irgendwo durch. Lediglich unter der Tür ist ein kleiner Lichtstrahl, der ihr die Umrisse ihres tristen Verlieses erahnen lässt.
Alexandra versucht es weiter. Doch auch die Tür mit Tritten und später sogar mit den Fingernägeln zu bearbeiten, hat ihr lediglich Schmerzen gebracht. Ihre Nägel sind abgebrochen, Blutkrusten haben sich gebildet. Ihr Knie und ihre Hüften schmerzen von den Rückstößen ihrer Fußtritte. Zeit, sich einzugestehen, dass sie hier nicht herauskommen wird, solange ihr Entführer sie nicht freilässt.
16. Dezember
Ein weiterer Tag dürfte vergangen sein, überlegt Alexandra, als der Mann den Schlüssel ins Schloss steckt und ihr Essen bringt. Lediglich an den Mahlzeiten erkennt sie, welche Tageszeit es in etwa sein müsste: Frühstück, Mittagessen, Abendessen. Dazwischen schläft oder weint sie. Morgens bekommt sie schwarzen Kaffee und einen Toast mit Butter, und zweimal am Tag kommt der Kerl mit einem Sandwich, einem Apfel und einer Flasche Wasser.
Er bringt die Sachen und geht wortlos. Das gleiche Sandwich wie immer. Huhn mit Mayonnaise und Essiggurken und ein paar beinahe schon welke Salatblätter. „Ekelhaft. Hat er das auf Vorrat gekauft oder besorgt er einfach immer die gleichen Dinge, weil ich mich bisher nicht beschwert habe“, denkt sie nach. „Als ob ich es wagen würde, mich zu beschweren, auch wenn mir diese Brote schon zum Hals raushängen.“
Alexandra verschlingt alles, und wie immer wird sie sofort nach dem Verzehr der gebrachten Lebensmittel müde. Vor dem Einschlafen denkt sie noch an das letzte Telefonat, das sie belauscht hat. Scheinbar hat ihr Vater immer noch nicht bezahlt. „Dieser elende Bastard. Bin ich ihm wirklich nicht mehr wert? Was können Tom und sein Komplize schon verlangen? Eine Million? Zwei? Das hat der Alte in der Portokasse“, denkt sie wütend. War anfangs nicht von einem Tag die Rede, oder hat sie das falsch verstanden? Und schon wieder überkommt sie Trauer. Nach wie vor will sie nicht einsehen, dass tatsächlich Tom hinter all dem stecken soll. So sehr kann sich ein Mensch doch nicht verstellen. Nicht zwei Jahre lang. Er war immer liebevoll und hat Alexandra beinahe vergöttert. Alles nur Show? Das passt doch nicht. Auch wenn die Telefonate und gewisse Umstände der Theorie zuträglich sind, sträubt sich in ihr der Gedanke. Sie spürt eine so starke Verbindung. Niemals würde er sie hier tagelang schmoren lassen. Er würde wissen, welche Angst sie hat. Das kann er nicht wollen.
Abermals vernebelt sich ihre Sicht. Ihre Augen werden schwer, und im Grunde freut sie sich, endlich vor diesem Wahnsinn hier in einen traumlosen, tiefen Schlaf fliehen zu können. Inzwischen sieht sie die permanente Betäubung, die sie bekommt, als Segen, auch wenn sie immer mit Kopfschmerzen aufwacht. Das würde sie aber von der schlechten Luft, der geringen Flüssigkeitszufuhr und der ständigen Angst bestimmt auch so tun, sinniert sie vor sich hin. Dann lieber schlafen und nichts mitbekommen. Immer noch besser, als hier drinnen verrückt zu werden.
Alexandra wird aus dem Schlaf gerissen. Es ist furchtbar laut. Ohrenbetäubendes Gepolter vor der Tür lässt sie hochschrecken. Es hört sich an, als würde eine Horde Wilder die Treppen hinunterlaufen. „Polizei! Treten Sie von der Tür zurück!“ Alexandra lässt einen undefinierbaren Laut von sich. Oh Gott! Polizei? Werde ich jetzt gerettet? Sie kann es kaum fassen und brüllt: „Hier! Ich bin hier! Holt mich hier raus!“ Ihre Stimme ist kratzig, und sie hat Angst, dass man sie nicht hört. Verzweifelt schreit sie immer wieder um Hilfe. Sie hört einen dumpfen Schlag, dann noch einen. Kurze Stille, und dann poltert es erneut. Mit jedem weiteren Knall knirscht und kracht es, bis endlich die massiven Scharniere nachgeben und die Tür laut krachend zu Boden fällt.
Zwei Kerle, die aussehen wie Ninja-Turtles, stehen im Lichtstrahl. Sie leuchten Alexandra mit einer Taschenlampe ins Gesicht und blenden sie. Sie kann nichts erkennen. „Gesichert! Weibliche Person! Lebend!“, hört sie einen der beiden in sein Funkgerät bellen. Dann hört sie weitere Schritte. Sie nimmt gerade noch wahr, wie mehrere uniformierte Beamte in den Raum stürmen, und dann verliert sie das Bewusstsein.
17. Dezember
Müde schlägt Alexandra ihre Augen auf. Ihr Kopf brummt, und ihre Kehle ist wie ausgetrocknet. Die Helligkeit verursacht ihr Schmerzen, und sie blinzelt ständig. Mehrere Tage in beinahe kompletter Finsternis, da müssen sich ihre Augen erst wieder an das viele Licht gewöhnen.
Ihr Blick schweift und nur langsam erfasst sie den Raum. Über ihr ist eine Stange, an der ein dreieckiges Teil aus Kunststoff sowie ein Kästchen mit Knöpfen hängen. Die Liegefläche fühlt sich weich an, jedoch macht sie bei der kleinsten Bewegung leise Geräusche. Unter dem Leintuch muss eine Art Plastikeinlage sein. In ihrem Arm steckt eine Nadel, die mit einem Schlauch verbunden ist. Sie liegt in einem Krankenhausbett und ist an eine Infusion angeschlossen. So viel steht für sie fest. Alexandra versucht, sich aufzurichten, aber dafür fehlt ihr noch die Kraft, und ein schmerzender Stich hinter ihrer Stirn zwingt sie zurück in ihr Kissen. Langsam, damit die Kopfschmerzen nicht stärker werden, dreht sie ihren Kopf zur Seite.
Neben ihr sitzen ihre Eltern und blicken stumm auf ihre Handys. Alle beide. Irgendwie ist sie froh, jemand um sich zu haben, irgendwie aber auch nicht. Zumindest nicht die beiden. Sie würde viel lieber in Toms freundliches Gesicht blicken, nicht in die kühlen Augen ihres Vaters und die rot unterlaufenen ihrer Mutter. Ob sie geweint hat? Wegen mir? Eher nicht. Bestimmt hat sie sich bereits das ein oder andere „Likörchen“ gegönnt. „Likörchen, Pah! Von wegen. Die alte Schnapsdrossel glaubt, so ihre Alkoholsucht herunterspielen zu können. Dass Annegret Kramer zur Trinkerin geworden ist, ist kein Wunder. Sie hat keine Aufgabe, außer, die Frau des erfolgreichen Alfred Kramer zu sein. Alles wird ihr abgenommen, keinen Handgriff macht sie selbst. Sogar ihre „berühmten“ Dinnerpartys lässt sie von einem Caterer ausrichten und gibt vor, eine begnadete Gastgeberin zu sein. Eigentlich ein trauriges Leben, aber sie wollte es nicht anders. Sie fühlte sich stets zu Höherem berufen, und als „starke Stütze für ihren erfolgreichen Mann“ lebt sie in Saus und Braus. Für den Inhalt ihres Kleiderschranks würden sich „Normalsterbliche“ ein kleines Häuschen kaufen. Zu ihren gefühlt dreihundert Handtaschen von den teuersten Marken und Designern trägt sie keine Schuhe, die keine rote Sohle haben. Selbst wenn sie im Rausch mit den Haken oft kaum gehen kann. Und ihr Schmuck wird stets in einem Safe verstaut, so wertvoll ist dieser. Aber wenn man nie auf etwas sparen oder länger darauf warten muss, befriedigt ein Kauf nur kurz, wenn überhaupt. Trotz all dieser Dinge lebt sie vor allem in trister Langeweile und Einsamkeit. Auch wenn sie oft von vielen Menschen umgeben ist, ist sie in Wahrheit einsam. Ihre sogenannten „Freundinnen“ sind nur Damen aus der feinen Gesellschaft, wie sie. Eine Zweckgemeinschaft, die immer in Abhängigkeit der Geschäftsbeziehungen der Ehemänner steht. Läuft es zwischen den Männern gerade gut, wird mit Küsschen und Einladungen nur so um sich geworfen – gibt es Probleme, ist die Ehefrau umgehend eine Persona non grata.
Die ersten Worte kommen nur krächzend hervor, aber langsam kehren sowohl Alexandras Kräfte als auch ihre Erinnerungen zurück. „Hallo, ich bin wach“, presst sie hervor. Ihre Eltern schrecken hoch, als aus dem Nichts die Stimme ihrer Tochter erklingt.
18. Dezember
Annegret findet als Erste wieder zu sich. „Mein Gott, Alexandra! Was machst du nur für Sachen?“, fragt ihre Mutter aufgebracht. Alex glaubt, einen leicht vorwurfsvollen Unterton herausgehört zu haben. Nein, sie ist sich sicher, dass es so ist. So wie ihre Mutter immer mit ihr spricht. Die beiden verbindet keine liebevolle Mutter-Kind-Beziehung. Annegret Kramer ist eine Frau von Welt und hatte diesen Anspruch seit jeher an ihre Tochter, den sie aber nie erfüllen konnte und mittlerweile auch nicht mehr will. Ihre gesamte Kindheit und Jugend hat sie um die Liebe und Gunst ihrer Mutter gekämpft. Sie hat es aufgegeben, und seither geht es Alexandra bedeutend besser. Zu zig Psychotherapeutinnen wurde sie geschickt, weil sie angeblich „aufmüpfig“ war und sich nicht an Regeln halten konnte oder wollte. Sogar als schwer erziehbar wurde sie von ihrer Mutter beschimpft, weil sie in einem Schuljahr keinen Notendurchschnitt unter 1,3 erreicht hatte. Jeher wurde sie in gut oder böse eingestuft, je nachdem, ob sie anspruchslos spurte oder bei einem Thema eine eigene Meinung hatte. Ja, ihre Frage war definitiv als Vorwurf formuliert. Dass Alexandra, nach allem, was sie ihrer armen Mutter bisher zugemutet hat, sich auch noch entführen lässt, passt in das Bild der harten Frau. „Selbst jetzt lässt sie mich ihre Missbilligung spüren“, überlegt Alexandra und ist enttäuscht. Wobei sie eher überrascht über sich selbst ist, dass sie der Umstand überhaupt noch enttäuschen kann. Was habe ich erwartet? Sicher denkt sie, dass es meine Schuld ist und ich mich nur in Szene setzen wollte. So wie sie es mir immer vorwarf, wenn ich Sorgen und Probleme hatte.
Auch von ihrem Vater kommt keine liebevolle Umarmung oder ein Ausdruck der Freude oder Erleichterung, dass es ihr gut geht. Er erhebt sich wortlos und verständigt einen Pfleger, dass seine Tochter erwacht ist. Er strahlt die gewohnte Kälte aus, die sie von Kindheitstagen her kennt. Auch seiner Ansicht nach ist Alexandra nicht so geworden, wie er es sich vorgestellt hatte, und das war ein Vergehen, das im Hause Kramer schon immer mit Liebesentzug bestraft wurde.
Alex sehnt sich nach Tom. Sie will in den Arm genommen und getröstet werden. Sie will seine weiche Haut und seinen warmen Atem spüren. Ihn riechen und einfach schwach sein dürfen. Sie will jemanden um sich, der keine Erwartungen hat. So wie es bis vor der Entführung immer war.
Sofort fragt sie nach ihm, und ihr Vater bekommt einen hochroten Kopf. „Das Schwein sitzt im Gefängnis. Dort, wo er hingehört! Ich habe es dir immer gesagt! Er ist ein Mistkerl! Aber selbst jetzt, wo er dich entführt hat und Lösegeld von mir erpressen wollte, fragst du nach ihm? Was geht bloß in deinem Kopf vor?“
Alexandra wird schwindlig. Nicht nur von Vaters bösen Worten ihr gegenüber, sondern vor allem von der Information, die diese enthalten haben. War es tatsächlich Tom? Ihr Vater musste es wissen, besonders, wenn ihr Freund sich im Gefängnis befindet. Aber sie will immer noch nicht daran glauben. Zu stark sind ihre Liebe und ihr Vertrauen in ihren Lebensgefährten. Selbst jetzt noch. „Wie? Tom hat mich entführt? Nein! Niemals! Das glaube ich nicht!“, pfeffert sie ihrem Erzeuger deshalb entgegen. Und wenn es auch nur dazu dient, ihm zu widersprechen. Sie verstummt, als sich mitten im Gespräch die Tür öffnet.
19. Dezember
Ein Arzt betritt das Zimmer, und Alexandras Eltern werden des Raumes verwiesen. Sie ist froh, Nicht eine Sekunde länger hätte sie diese offene Verachtung ihr gegenüber ertragen.
Der junge Arzt fragt sie nach ihrem Befinden und ob er sie untersuchen darf oder ob sie eine Kollegin bevorzugen würde. „Scheinbar ist das bei Opfern von Entführungen oder Gewalt so üblich“, überlegt Alexandra. Nachdem ihr zumindest körperlich nichts wirklich Schreckliches angetan wurde, ist es für sie okay, von einem Mann untersucht zu werden. Der Arzt misst ihren Blutdruck, leuchtet ihr in die Augen, hört sie ab und stellt ihr einfache Fragen. Er ist äußerst sanft. Traurig denkt sie, dass ein völlig fremder Mensch ihr so viel mehr Wärme entgegenbringt als ihre eigenen Eltern.
Kurz nach der Untersuchung, die ergeben hat, dass Alexandra den Umständen entsprechend wohlauf ist und am nächsten Morgen das Krankenhaus verlassen darf, treten zwei Kommissare ein. Die Beamten quetschen sie über ihre Beziehung und Tom im Allgemeinen aus. Sie wollen alles wissen. Von seinem Freundeskreis bis zu dem Punkt, was er am Tag, als sie das Haus verlassen hat, getragen hat. „Wollen Sie mich vielleicht auch noch fragen, welche Farbe seine Unterhosen haben?“, bricht ihre Wut aus ihr heraus. Scheinbar ist für die Polizisten bereits alles klar, und sie befürchtet, dass in keine andere Richtung ermittelt wird.
Sie befragen Alexandra weiter. Sie soll erzählen, woran sie sich vom Tag der Entführung in der Tiefgarage bis zu dem Moment im Verlies, als sie befreit wurde, erinnern kann. Sie wird ausgefragt, was der Täter mit ihr gemacht hat und ob sie etwas wahrgenommen hat, das die Beamten wissen sollten.
Alexandra berichtet alles. Alles, außer den belauschten Telefonaten. Sie will den Verdacht nicht auf Tom lenken, solange es keine stichfesten Beweise gibt. Besonders nicht, solange sie nicht selbst mit ihm gesprochen hat. Sie will ihm in die Augen sehen und aus seinem Mund hören, dass er das nicht war. Sie ist sich sicher, dass sie erkennen würde, ob er sie anlügt.
Nach unzähligen weiteren sehr privaten Fragen erkundigt sich Alexandra nach dem Ermittlungsstand und ob es einen weiteren Verdächtigen gäbe. Sie hofft, dass es neben Tom noch eine andere Person gibt, die infrage kommt. Zu ihrem Entsetzen erfährt sie jedoch, dass Tom bei der vereinbarten Geldübergabe verhaftet wurde. Er soll Drohnachrichten an den Vater gesendet und eine hohe Summe für ihre Freilassung verlangt haben.
Alex kann nicht glauben, was sie da hört. Ihr Tom soll sie tatsächlich entführt haben? Die Beweise scheinen eine eindeutige Sprache zu sprechen, und dass ihr körperlich nichts angetan wurde, würde dafür sprechen. Alexandras Herz bricht. Alles war eine Lüge. Unsere Liebe, unsere gemeinsamen Pläne und Träume. Er hat mich nur benutzt. Die Erkenntnis, die im Hinterkopf schon lange da war, Alexandra aber vehement nicht wahrhaben wollte, trifft sie wie ein Schlag: Sie hat für einen Mann gekämpft, der bereit war, sie zu entführen, um an Geld zu kommen. Schier endlos laufen Tränen über ihr Gesicht, und plötzlich beginnt sie zu schreien. Ein herzzerreißendes, tränenersticktes Schreien.
Mit Unterstützung einer Beruhigungspille, die ihr aufgrund ihres Nervenzusammenbruchs verabreicht wurde, dämmert sie immer wieder weg. Froh, nicht mehr denken zu müssen, liegt sie regungslos in ihrem Bett, bis sie schließlich wieder einschläft.
20. Dezember
Am nächsten Morgen wacht sie mit schlimmen Kopfschmerzen auf. Das Frühstück steht bereits auf dem Beistelltisch, aber Alexandra verspürt keinen Hunger. Immer wieder geht sie gedanklich durch, was sie erfahren hat. Dann habe ich mich im Bunker wohl doch nicht verhört, überlegt sie. Irgendetwas an der Sache kann sie aber dennoch nicht glauben. Nein! Es ist zu abwegig. Dazu ist Tom niemals fähig. Außer! wenn er vielleicht Schulden bei einem dubiosen Kreditinstitut hat und erpresst wurde. Aber selbst dann würde er ihr das doch niemals antun. Vorher wäre er betteln gegangen oder hätte notfalls eine Bank überfallen. Außerdem passt das alles nicht zusammen. Warum waren die beiden so leichtsinnig? Der Entführer war mehrmals weg, er hätte jederzeit und überall telefonieren können. Warum gerade vor der Tür, wo ich alles mithören konnte? Damit könnte sie Tom belasten, denn dass sie lebend wieder von dort weggekommen wäre, war scheinbar geplant. Sowohl die Maske als auch der Stimmverzerrer und das Essen sprechen absolut dafür. Außerdem, selbst wenn Tom so ein Schwein wäre und sie tatsächlich entführen lassen würde, hätte er ihren Tod nie in Kauf genommen. Da ist sie sich sicher. Dazu ist er viel zu empathisch. Das passt alles ganz und gar nicht.
Alexandra nimmt ihr Telefon und wählt die Nummer auf der Visitenkarte, die sie gestern erhalten hat. Sie solle sich melden, wenn ihr noch etwas einfällt. Der Kommissar nimmt ab, und sie plappert, kaum dass sie ihren Namen genannt hat, sofort los. „Tom war das nicht. Ich bin mir sicher. Sie haben einen Fehler gemacht! Was ist mit seinem Komplizen? Haben Sie ihn gefasst? Hat Tom gestanden? Wer hat Ihnen meinen Aufenthaltsort verraten?“ Die Fragen sprudeln nur so aus ihr heraus.
Ein undefinierbares Schnauben tönt aus der Leitung. „Frau Kramer, Sie sind wieder wohlauf. Wie schön. Ich hoffe, heute geht es Ihnen besser. Ich kann nachvollziehen, dass das alles schwer zu verstehen ist, aber wie wir Ihnen gestern schon mitgeteilt haben, gab es keine Komplizen. Tom war ein Einzeltäter. Er hat die Sache alleine geplant und durchgezogen. Wir haben Papierschnipsel, die zu den Drohbriefen gehörten, in Ihrer gemeinsamen Wohnung gefunden. Und wir haben seine Konten durchleuchtet. Er steckte in großen finanziellen Schwierigkeiten. Viel größer, als sie vielleicht vermuten. Es tut mir leid, das zu sagen, aber alles spricht für ihn als Täter. Auch die Hinweise auf Ihren Aufenthaltsort haben wir in Ihrer Wohnung gefunden. Auf einer Pinnwand angeheftet. Das war nicht sehr klug, aber gut für Sie und uns. So konnten wir Sie schneller finden“, erklärt der Polizist.
„Doch! Es muss jemanden gegeben haben. Der Kerl im Keller war nicht Tom, und ich habe die beiden telefonieren gehört! Irgendwas stimmt da nicht. Ich will mit Tom reden. Jetzt sofort!“
„Das geht nicht, Frau Kramer. Er ist in Untersuchungshaft, aber wir werden ihn nach einem zweiten Täter fragen. Was glauben Sie, gehört zu haben?“
Alexandra könnte platzen vor Wut. „Ich glaube nicht nur etwas gehört zu haben – Ich HABE es gehört, verdammt noch einmal!“ Sie wiederholt den Inhalt der Telefonate, nur den Namen ihres Verlobten lässt sie absichtlich aus. Kurz ist es still in der Leitung. „Es kann sein, dass Sie aufgrund des Schocks und des Beruhigungsmittels glauben, sich an Dinge erinnern zu können, die sich später als falsch herausstellen. Das ist nach so einer traumatischen Erfahrung häufig der Fall“, erklärt der Mann kurz darauf ruhig weiter. „Pah! Ich soll also Wahnvorstellungen haben? Wollen Sie mir das sagen? Vielleicht sind ja Sie nicht ganz dicht!“ Alexandra pfeffert ihm die Worte entgegen.
Der Polizist reagiert ruhig und besonnen auf die Provokation. Wahrscheinlich ist er derartige Angriffe in seinem Beruf gewohnt. „Frau Kramer, Sie sind gerade erwacht. Es ist Ihr erster Morgen nach der Entführung. Sie wurden gefesselt und mit nur wenig Flüssigkeit versorgt. Das zerrt nicht nur körperlich, sondern macht sich auch auf Ihr Erinnerungsvermögen bemerkbar. Geben Sie sich etwas Zeit. Inzwischen ermitteln wir in alle Richtungen. Vertrauen Sie uns.“
22. Dezember
Der Tag rückt immer näher, und Alexandras Nervosität steigt. Wenn Tom verurteilt wird, ist alles aus. Zwar hat Kramer Senior seine Tochter in den letzten Wochen finanziell unterstützt, aber nur minimal. Zwei Monatsmieten hat er ihr vorgestreckt. Diese muss sie noch zahlen, bevor der Mietvertrag ihrer Wohnung ausläuft. Ohne Tom kann sie sich ihr Zuhause nicht mehr leisten. Ihr finanzielles Polster hat sich in Luft oder besser gesagt, in Anwaltsrechnungen aufgelöst. Sie hoffte lange, dass die Verhandlung stattfindet, bevor dieser Tag eintritt, aber die Mühlen der Justiz mahlen wieder einmal besonders langsam. Sie wollte das Geld ihres Erzeugers nicht annehmen, hatte aber keine andere Wahl. Sonst wäre sofort alles verloren gewesen.
Ebenso wenig hat sie eine Wahl, was ihren zukünftigen Wohnort angeht. Sie hat wenig Spielraum. Durch Toms Unvorsichtigkeit beim Aktienkauf war der Großteil ihrer Ersparnisse längst aufgebraucht. Den Rest hat die Beauftragung des Anwalts verschlungen. Jetzt muss sie wohl oder übel aus der Wohnung ausziehen. Ihre beste Freundin ist kurzerhand zu ihrer großen Liebe nach Ibiza ausgewandert. Bei Leila hätte sie sicher einige Zeit wohnen können, doch Leila ist weit weg. In einer WG hat sie so schnell kein Zimmer bekommen, und bei den derzeitigen Mieten bringt es nichts, weiterzusuchen. Selbst wenn sie auf etliche Quadratmeter und eine zentrale Lage verzichten würde, könnte sie sich die hohen Kautionen und Mieten für eine eigene Wohnung momentan nicht leisten. Dafür reicht ihr Sekretärinnengehalt nicht aus. Auch wenn sie niemals in die Fußstapfen ihres Vaters treten will und sie aus Prinzip kein Studium absolviert hat, bereut sie es jetzt, keinen lukrativeren Job zu haben.
Übergangsweise soll sie ins Haus ihrer Eltern zurückkehren. Der Gedanke daran lässt sie erschaudern. Nicht einmal, wenn man den Thermostat auf volle Leistung aufdreht, spürt man Wärme in der riesigen Kramer-Villa. Menschliche Kälte überdeckt alles. Dennoch muss sie das Angebot annehmen. Alexandra nimmt sich fest vor, bald wieder auf eigenen Füßen zu stehen und so schnell wie möglich wieder auszuziehen. Entweder kommt Tom frei und sie schaffen es zu zweit, oder sie sucht sich einen Nebenjob, mit dem sie rasch wieder aus dem Höllenhaus ausziehen kann. In letzter Zeit übernahm sie noch mehr Stunden von Kolleginnen und spart eisern. Je mehr Zeit sie im Büro verbringt, desto weniger muss sie im Haus ihrer Eltern sein, und ihre finanzielle Unabhängigkeit rückt auch wieder etwas näher.
Sie hatte gehofft, nur zwei Monate durchhalten zu müssen. Eine Zeit, in der sie ihr Gehalt zur Seite legen und schnell etwas Kleines und Günstiges als Übergang finden kann. Aber diesen Traum hat ihr Alfred Kramer sofort zunichtegemacht. Das geliehene Geld will er auf den Cent genau zurück. Dieser elende Erpresser! Er weiß genau, dass er mich so im Haus halten und unter seine Fittiche nehmen kann. Aber nicht mit mir! Wenn ich es innerhalb von drei Monaten nicht schaffe, von hier wegzukommen, ziehe ich unter eine Brücke! Das ist immer noch besser, als im Haus der beiden zu leben. Trotz Personal und allem, was man sich an Annehmlichkeiten vorstellen kann.
23. Dezember
Seit einer Woche ist sie nun hier und verlässt ihr Zimmer nur, wenn sie zur Arbeit geht oder die Toilette aufsuchen muss. Zumindest, wenn ihre Eltern anwesend sind. Alexandra verschanzt sich in ihrem alten Kinderzimmer und vermeidet jeglichen Kontakt zu ihren Erzeugern – so gut es eben geht. Die Küche und das Esszimmer betritt sie nur, wenn sie sicher ist, dass die Luft rein ist. Mehrmals musste sie sich von ihrem Vater zurechtstutzen lassen, wie undankbar es sei, nicht den Tisch mit ihnen zu teilen, wo sie doch so großzügig gewesen seien, sie aufzunehmen. Von ihrer Mutter bekommt sie nur hin und wieder einen missbilligenden Blick. Alexandra hat jedoch das Gefühl, dass Annegret ihr nur aus einer Verpflichtung gegenüber Kramer Senior so gegenübertritt. Sie hat den Eindruck, dass ihre Mutter ganz froh darüber ist, sie nicht allzu oft zu sehen. So muss sie nicht fürchten, ständig mit einem ihrer „Likörchen“ in der Hand erwischt zu werden.
Heute ist ein guter Tag, findet Alexandra. Es ist schon spät, und niemand ist im Haus. Sie will sich etwas zu essen holen. Seit Stunden plagt sie Hunger, und ihr kleiner Vorrat an Notfallschokolade und Chips ist bereits aufgebraucht. Sie hatte gewartet, bis es endlich zwanzig Uhr war. Die beiden müssten längst aufgebrochen sein. Irgendeine superwichtige Benefizveranstaltung, zu der sie müssen, hat sie von der Haushälterin erfahren. Ja, da wirst du wieder den Großzügigen spielen! Spendest Unsummen für ein Projekt, das dich nicht im Geringsten interessiert. Damit du als der spendable Gönner bewundert wirst. Dass du deiner eigenen Tochter keinen Cent gönnst, das ahnt ja leider niemand.
Als sie die Küche ansteuert, kommt sie an Kramers Arbeitszimmer vorbei. Ein Lichtschein dringt unter der Tür hindurch, und sie hört Stimmen. Alexandra wundert sich. Augenblicklich schlägt ihre Verwunderung in Panik um. Ein Einbrecher! Sofort denkt sie an ihre Entführung zurück und bekommt vor Angst kaum Luft.
“Bitte nicht!”, fleht sie stumm. “Bitte, lieber Gott, mach, dass ich diese Hölle nicht noch einmal erleben muss.”
24. Dezember
Sie greift nach ihrem Telefon und will den Notruf wählen. Doch dann glaubt sie, die Stimme ihres Vaters zu erkennen, und lauscht. „Warte ab, Junge! Wenn der Taugenichts erst mal verurteilt ist, kriegt sie sich wieder ein! Dann machst du ihr schöne Augen, und du wirst sehen, sie wird dir nicht widerstehen können.“ Geistesgegenwärtig drückt Alexandra die Aufnahmetaste auf ihrem iPhone. „Du hast alles, was ein Schwiegersohn im Hause Kramer braucht! Mit etwas Geschick und Einsatz deinerseits hast du sie schnell von dieser Verbindung überzeugt. Ein bisschen Charme, und bald schnurrt sie wie ein Kätzchen, wenn du den Raum betrittst. Momentan macht sie noch auf Wildkatze, aber so wie Annegret wird auch sie bald wissen, wo ihr Platz ist und wie sie sich zu benehmen hat.“
Alexandra kann kaum glauben, was sie da hört. Wer ist da bei ihm? Was soll das? Wird sie jetzt als Heiratsgut verscherbelt? Hat der alte Knacker jetzt komplett den Verstand verloren? Dass er eine adelige Blutlinie anstrebt, war ihr immer schon klar, aber dass er so weit gehen würde, sie derart anzupreisen, hätte sie selbst ihm nicht zugetraut. Doch sie wird umgehend eines Besseren belehrt. Ihr Vater ist noch zu viel schlimmeren Dingen fähig. Alexandra stellen sich alle Härchen auf, und sofort fühlt sie sich wieder in den Keller zurückversetzt, als sie die Stimme hört. „Schwiegersohn! Das gefällt mir. Dann hat sich die Sache ja rentiert!“
Leopold! Jetzt ist es ihr klar. Die gleiche widerliche Stimme, die sie damals hörte, als er ihr entgegenkam, um sie überschwänglich zu begrüßen, bevor sie einfach auf den Absätzen kehrtgemacht und davongestürmt ist.
Und es ist auch die Stimme aus dem Keller. Sie ist sich sicher. Das eine Mal, als er den Stimmverzerrer vergessen hat. Die Angst und die Verzweiflung hatten ihr die Sinne benebelt, aber jetzt erkennt sie die Stimme ihres Entführers mit erschreckender Deutlichkeit.
„Vater und dieser verdammte Leopold haben das inszeniert, um Tom aus dem Weg zu schaffen und mich wieder hierherzuholen. Mein eigener Vater will mich wie ein Stück Fleisch verscherbeln“, schießen die Gedanken durch ihren Kopf. Und Leopold, dieser Drecksack hat mich entführt und mir mein Höschen vom Körper gerissen. Alexandra erschauert bei der Erinnerung. Und das nur, weil er mich hei… nein, nicht wegen mir. Hier geht es nicht um mich. Er hat es selbst gesagt. Er will mich nicht meinetwegen heiraten, sondern nur, um der Schwiegersohn meines Vaters zu werden. Ich bin nur eine x-beliebige Variable in seiner Rechnung. Unbändige Wut erfasst sie.
Jetzt fällt ihr auch wieder ein, dass er selbst beim Telefonieren im Bunker den Stimmverzerrer benutzt hat. Warum ist mir das nicht vorher aufgefallen? Das hätte doch keinen Sinn ergeben, wenn er nicht geahnt oder vielmehr geplant hätte, dass ich das Gespräch belausche. Er wollte mir weismachen, dass er mit Tom telefoniert. Damit ich dies bei der Polizei aussage und die Anschuldigungen untermauere. Elender Bastard!
Stolz über ihren genialen Plan lachen die beiden hinter der Tür und beglückwünschen sich gegenseitig. Leopold schwadroniert: „Den Loser haben wir aus dem Weg geräumt. Sie tat mir ja schon etwas leid, aber vielleicht hat es ihr gar nicht geschadet. Sie ist ein Wildfang. Die Entführung hat sie vielleicht etwas gezähmt.“
25. Dezember
Alexandra schäumt vor Wut. Was bildet sich dieser Lackaffe eigentlich ein? Am liebsten würde sie ins Arbeitszimmer stürmen, die beiden konfrontieren und ihnen anschließend den schweren Aschenbecher auf Vaters Mahagonischreibtisch über den Schädel ziehen. Solange auf sie einprügeln, bis sie nicht mehr aufstehen können. Doch sie reißt sich zusammen. Sie muss klug vorgehen. Nur so hat sie eine Chance gegen die beiden, die nicht nur mit ihrem Geld alles kaufen und beeinflussen können, sondern scheinbar auch vor nichts zurückschrecken.
Hämisch grinsend drückt sie die Stopptaste und schleicht auf leisen Sohlen zurück in ihr Zimmer. Dort dreht sie demonstrativ die Musik auf volle Lautstärke. Michael Jackson jodelt „Billie Jean“ mit ohrenbetäubenden Dezibelwerten durch den Raum. Sie mag den Song nicht besonders, aber sie weiß, wie sehr ihr Vater diese Musik verabscheut, und singt deshalb fröhlich mit. Dann drückt sie in ihrer Playlist weiter und genießt das Lied, das noch besser zur Situation passt: „Bad“ dröhnt es nun aus den Boxen. „Ihr Schweine werdet bluten!“, schreit sie in das Lied hinein, als Michael zum Refrain ansetzt. Es tut gut, ihrer Wut freien Lauf zu lassen. Alexandra brüllt noch weitere Beschimpfungen und Flüche durch den Raum. Sie weiß, dass die beiden sie nicht hören können.
Danach sinkt sie kraftlos auf ihr Bett. Sie ist empört und zutiefst verletzt. Dass ihr Vater und dieses Ekelpaket sie tatsächlich entführt und eingesperrt haben, ist bereits unfassbar. Der Umstand, dass sie dies jedoch getan haben, um einen unschuldigen Menschen ins Gefängnis zu bringen, nur um sie und Tom zu entzweien, ist nicht mit Worten zu beschreiben. Die beiden wollten ihren Willen durchsetzen. Ohne Rücksicht auf Verluste. Das ist abgrundtief böse. Ihr Vater hat schon oft bewiesen, dass er sprichwörtlich über Leichen geht, aber sich eines Kapitalverbrechens schuldig zu machen, noch dazu zum Leidwesen der eigenen Tochter, raubt ihr schier den Verstand.
Nach unzähligen Tränen fasst sich Alexandra wieder. Wut verdrängt ihre Trauer. Du hast mich das letzte Mal verraten, du Schwein! Nur noch wenige Tage, dann ist es so weit. Toms Verhandlung steht an. Aber nicht nur die. Das wird ihr großer Auftritt, den so schnell niemand vergessen wird.
„Schon sehr bald wird die Gerechtigkeit siegen!“, murmelt sie in ihr Kissen und mit diesem Gefühl schläft sie kurze Zeit später ein.
26. Dezember
„Die Gerichtsverhandlung ist eröffnet“, hört Alexandra den Richter wie durch Watte. Sie ist unbeschreiblich nervös. Sie muss aufpassen, ruhig zu atmen. Wenn sie umkippt, ist alles verloren. Tom wird in den Raum gebracht. Er sieht schlecht aus. Blass und abgemagert, aber vor allem gebrochen. Sein Anwalt malt ihm keine guten Chancen aus. Sie ließ Tom über seinen Rechtsbeistand eine Nachricht zukommen, dass er sich keine Sorgen machen solle und unbedingt auf unschuldig plädieren müsse. Sie hätte einen Joker, der aber nur funktioniert, wenn er ruhig bleibt. Ihre Blicke treffen sich. Alexandra nickt ihm zu und er scheint zu verstehen.
Der Staatsanwalt trägt die Anklage vor. Auf die Frage, ob sich Tom schuldig bekenne, antwortet er nach kurzem Zögern: „Nein! Ich habe das nicht getan!“
Anschließend beginnt der Strafverfolger, die Ermittlungsergebnisse der Kommissare offenzulegen. Gnadenlos setzt der Jurist den Richter sowie alle Anwesenden von den vorliegenden Beweisen und Indizien in Kenntnis. Die Inszenierung war perfekt. Tom erschien am Geldübergabeort, wo er direkt von der Polizei in Gewahrsam genommen wurde. Die Bankauskünfte, die die Polizisten einholten, sprachen eine recht eindeutige Sprache. „Eine kleine Finanzspritze hätte Herr Bauknecht sehr gut gebrauchen können“, erklärt der Staatsanwalt weiter. Am schwerwiegendsten waren aber die Papierschnipsel, die eindeutig den Drohbriefen zuzuordnen waren, und die Wegbeschreibung zu dem alten Abrisshaus, in dem sich der Keller beziehungsweise Alexandra befand. In der Wohnung befanden sich noch allerhand andere Utensilien: Die Zusammensetzung des verwendeten Klebestick für die Drohnachrichten, passte natürlich. Die Polaroid-Kamera, mit der Alexandra im Verlies schlafend fotografiert wurde, wurde auch gefunden und selbstverständlich lagen die Einkaufsbons, von genau den Lebensmitteln, die sie im Verlies erhalten hat mitten im Wohnzimmer. Ausreichend Beweise, die niemanden an seiner Schuld zweifeln ließen. „Die Sachen könnten Leopold oder Vater dort hinterlegt haben“, würde sie gerne nach vorne rufen, aber das würde den Moment ihres Triumphes zerstören. Nein, Alexandra will den ganz großen Auftritt.
Sie könnte die Behauptung leicht untermauern. Alex hat vor langer Zeit einen Schlüssel bei ihrer Mutter deponiert. Für Notfälle. Das hatte sie längst vergessen. Sie könnte sich ohrfeigen für diese dämliche Aktion. Bei der Übergabe der Wohnung an den Vermieter konnte sich die alte Säuferin natürlich nicht daran erinnern, wo sie das kleine silberne Ding mit dem Anhänger aus Paris hingegeben hat. Alexandra musste für die Auswechslung des Türschlosses extra bezahlen. Gerade ihrer Mutter etwas anzuvertrauen, war aber auch zu dämlich. Sie hätte den Schlüssel Leila oder einer Nachbarin geben können. Sogar unter der Fußmatte wäre er besser aufgehoben gewesen. Sie dachte damals, dass es eine gute Idee wäre ihn bei ihrer Mutter zu hinterlegen. Leila ist eine Weltenbummlerin. Bei ihr einen Schlüssel zu deponieren, wäre wahrscheinlich so sinnvoll gewesen, wie ihn einer streunenden Katze um den Hals zu binden. Bei Leila muss man immer damit rechnen, dass sie ein Foto mit dem Eiffelturm oder der Freiheitsstatue im Hintergrund schickt, auch wenn am Vortag noch nicht die Rede von einer Reise war. Im Mietshaus hatte sie nur zu einer Nachbarin eine so vertraute Beziehung, dass sie ihr den Schlüssel überlassen hätte. Nur leider ist die kleine, zierliche und sehr nette Rentnerin beinahe taub. Da hätte sie womöglich stundenlang geklingelt, bis diese reagiert hätte, wenn sie den Schlüssel gebraucht hätte. Somit entschied sie damals anders und bereut es nun zutiefst.
Mit jedem Wort des Staatsanwaltes wird Tom blasser. Er weiß, dass er im Grunde nichts vorzuweisen hat, was den Richter von seiner Unschuld überzeugen könnte. Lediglich der Anruf einer anonymen Nummer am Tag der Geldübergabe untermauert seine Aussage, dass er zum Übergabeort gelockt wurde. „Der kann inszeniert worden sein, um genau diesen Verdacht aufkommen zu lassen. Genauso kann der Anruf auch von einer Marketingagentur stammen, die ihm ein Abo oder Ähnliches verkaufen wollte, also reiner Zufall“, kontert der Staatsanwalt. Und damit hat er wohl recht. Der Anruf alleine ist zu dünn, damit kann Tom bestimmt nicht punkten, überlegt seine Freundin. Aber das muss er auch nicht. Sie wartet auf ihren Einsatz und dieser rückt von Minute zu Minute näher.
27. Dezember
Kurz vor der Urteilsverkündung blickt sie in das siegessichere Gesicht ihres Vaters. „Es ist so weit, du Schwein“, flüstert sie in seine Richtung. Alexandra fasst all ihren Mut zusammen und springt von ihrer Bank hoch. „Stopp! Ich habe einen Beweis für Toms Unschuld“, verkündet sie aufgebracht.
Alle Augen sind auf sie gerichtet, und ein Murmeln geht durch den Gerichtssaal. Der Richter ruft zur Ordnung auf und weist Alexandra an, sich zu setzen, aber das ist ihr egal. Sie hält ihr Telefon hoch und spielt die Aufnahme ab.
Leopold, der natürlich auch hier ist, um Toms Untergang nicht zu verpassen, wird leichenblass im Gesicht. Ihr Vater schnaubt hingegen wütend und ihre Mutter ist der Ohnmacht nahe. „Spielt sie das nur?“, überlegt Alexandra. War sie Teil dieser bösen Verschwörung oder hatte sie von all dem wirklich keine Ahnung? Alexandra wird es wahrscheinlich niemals herausfinden, sofern ihr Vater ihre Mutter nicht verrät. Selbst würde sie es schließlich nie zugeben. Alex wird jedenfalls bei der Polizei bekannt geben, dass eigentlich nur ihre Mutter von dem Schlüssel wusste und sie ebenfalls verhört werden sollte. Was auch immer dabei herauskommt. Alexandra ist es egal. Außerdem ist das alles unwichtig im Moment. Jetzt geht es nur darum, ihren Vater und Leopold zu zerstören und Tom aus dem Gefängnis zu holen.
Plötzlich bricht ein lauter Tumult aus. Der alte Kramer beginnt, seine Tochter zu beschimpfen, und Tom kann sich nicht mehr zügeln und brüllt ebenfalls durch den Gerichtssaal. Alexandra wird stattdessen immer ruhiger. Das Wissen, dass ihr Vater und dieser verdammte Leopold nun dafür geradestehen müssen und Tom frei kommt, legt sich wie eine sanfte, wärmende Decke über sie. „Du bist enterbt!“, ist das Letzte, was sie noch hört, bevor sie sich ihre Airpods in ihre Ohren steckt und leise mitsingt: „Because I'm bad, I'm bad – come on you know - I'm bad!“
Die Beamten führen Tom aus dem Gerichtssaal. Anschließend werden Alfred Kramer und Leopold von Herrenstein Handschellen angelegt und die beiden werden ebenfalls abgeführt. Ein mehr als beruhigendes Bild, als die beiden mit gesenkten Köpfen nach draußen gebracht werden. Sollen sie doch in der Hölle schmoren! Dafür liefert Annegret Kramer ein bühnenreifes Szenario ab. Sie muss von den gerufenen Sanitätern ruhiggestellt werden. Sie erlitt einen Nervenzusammenbruch, den nicht einmal ihr bestimmt nicht besonders geringer Blutalkoholspiegel abfedern konnte. Auf einer Trage wird sie kreischend nach draußen gebracht. Als endlich wieder Ruhe eingekehrt ist, wird Alexandra das Telefon abgenommen. Die Echtheit der Aufnahme muss überprüft werden, auch wenn es wenig Zweifel gibt, lässt sie der Staatsanwalt wissen und übergibt es einem Polizeibeamten.
28. Dezember
Die Zeit verging elendslangsam, bis Tom endlich wieder zurückgebracht wurde und der Richter verkündete, dass er aufgrund der neuen Beweislage in allen Punkten der Anklage freigesprochen wird. Sie nimmt ihn in den Arm. Lange können beide kaum reden. „Ich habe nie geglaubt, dass du das warst“, stammelt Alexandra mit tränenerstickter Stimme gegen Toms Brust. Es wird noch dauern, bis sie den Wahnsinn hinter sich lassen kann, aber es wird einen Neuanfang geben, ist sich Alexandra sicher.
„Lexi, wir sollten so schnell wie möglich heiraten. Ich könnte es nicht ertragen, dich nochmal zu verlieren.“ Alexandra hat sich einen Heiratsantrag immer romantischer vorgestellt. Aber der Situation geschuldet nimmt sie, was sie bekommt. Sie willigt sofort ein. Vielleicht bekomme ich irgendwann noch einen richtigen Antrag. Mit Rosen und Kerzen und einem Ring. Sie braucht keinen großen Klunker, so ist sie nicht, aber zumindest ein einfacher Ring gehört für sie zu einer Verlobung dazu.
„Mit dem Schmerzensgeld, das du von deinem Vater erhalten wirst, können wir uns ein neues Leben aufbauen. Ohne die Familie Kramer im Nacken! Und ohne Aktien! Vielleicht bekommen wir auch bald eine kleine Alexandra oder einen kleinen Thomas.“ Alex nickt. Tom verspricht hoch und heilig, dass er wieder mehr Zeit in der Autowerkstatt und weniger auf den internationalen Börsenmärkten verbringen wird, so wie früher. „Vielleicht macht man damit nicht das schnelle Geld, aber man verliert auch nicht alles auf einen Schlag, wenn die Weltwirtschaft wieder einmal verrücktspielt“, redet er sanft auf sie ein.
Toms Lächeln will nicht aus seinem Gesicht verschwinden. Er ist in letzter Sekunde noch von der Kante gesprungen. Lexis Gutgläubigkeit sei Dank. Beinahe plagt ihn ein schlechtes Gewissen, aber nur beinahe, denn über so etwas verfügt Thomas Bauknecht nicht. Der Plan war perfekt. Und doch wäre es beinahe schiefgegangen.
29. Dezember
Alexandras Vater, Leopold und er hatten alles akribisch durchdacht. Natürlich wusste Tom immer, dass der alte Kramer ihn hasste. Deshalb wandte er sich an ihn. Ein Deal, den er nicht ausschlagen würde, war er sich von Anfang an sicher. Das Angebot, für eine Million Euro von der Bildfläche zu verschwinden, kam dem herzlosen Typen gerade recht. Die inszenierte Entführung sollte dazu dienen, dieses verstörte Mädchen anschließend in Leopolds Arme zu treiben. Alle drei dachten, sie würde sich von ihm trösten und auffangen lassen. Doch Lexi hatte wie immer ihren eigenen Kopf.
Zwei Jahre musste er ihr die große Liebe vorspielen. Er war nicht zufällig mit ihr zusammen und redete ständig auf sie ein. Doch dieses Biest weigerte sich bis zum Schluss, etwas vom Familienvermögen anzunehmen. Weil sie lieber ihrem fetten Chef Kaffee brachte, als im Familienunternehmen Kohle zu scheffeln. Er wollte sie und die Kramers ausnehmen wie eine Weihnachtsgans, aber ihr Entschluss, sich der Familie nicht zu beugen, brachte ihn fast um den Verstand und letztendlich verlor er die Geduld.
Die Entführung diente zusätzlich als Kramer Seniors Absicherung, dass Tom auch wirklich von der Bildfläche verschwindet und sicher nie wieder auftaucht. Dass der alte Geizkragen aber nicht zahlen und Tom übers Ohr hauen wollte, damit hat er nun wirklich nicht gerechnet. Es wäre fast schiefgegangen. Beinahe hätte mich der alte Sack aus dem Weg geräumt und mich mit meinem eigenen boshaften Plan geschlagen. Gott sei Dank waren die beiden so dämlich, alles herauszuposaunen und sich dabei auch noch erwischen zu lassen. Zum Glück haben sie in keinem Wort erwähnt, dass ich in der Sache mit drinsteckte. Dann würde ich jetzt viele Jahre hinter Gittern sitzen.
Jetzt muss er sich etwas Neues einfallen lassen. Er will endlich an das Vermögen der Kramers. Koste es, was es wolle. Ich kann meine Schulden bei den Typen, die mir auf die Pelle rücken, begleichen. Schulden bei Kerlen, mit denen man sich besser nicht anlegen sollte. Es gab niemals Aktien. Es war Toms Spielsucht, die ihn in die Enge trieb. Die dumme Pute hat mir alles geglaubt. Bald habe ich ausreichend Kohle, um die Casinos dieser Welt zu besuchen und den Jackpot zu knacken. Als Späßchen, als kleine Draufgabe, denn nötig habe ich es, sobald ich Kramers Vermögen erbe, ohnehin nicht mehr. Tom hat noch Kontakte von früher und will den alten Verräter im Knast umbringen lassen, bevor er seine Drohung wahr machen kann und er wieder alles verlieren würde, wofür er in den letzten beiden Jahren so hart gearbeitet hat. Von wegen enterbt! Ha! Der hat jetzt andere Sorgen, als sich direkt an seinen Notar zu wenden. Bis er dazu imstande ist, habe ich schon alles in die Wege geleitet. Die alte Kramer verursacht bestimmt bald einen Unfall, so besoffen wie sie ständig ist. Da werde ich etwas nachhelfen müssen. Dann bekomme ich nicht nur die versprochene Million doch noch, sondern alles. Meinem Reichtum und meinem Leben im Saus und Braus steht dann nur mehr dieses kleine, liebeskranke Mauerblümchen im Weg, aber auch da wird mir bestimmt was einfallen, überlegt er grinsend, legt seinen Arm um Alexandra und tritt mit ihr ins Freie.
30. Dezember
Auch Alexandras Lächeln will nicht mehr aus ihrem Gesicht verschwinden. Es hat geklappt. Alles ist gut gegangen. Ihr Vater und Leopold bekommen ihre gerechte Strafe. Selbst mit den besten Anwälten, die sie zweifelsohne beauftragen werden, werden sie diese bei Entführung, Freiheitsberaubung und Nötigung nicht rausboxen können. Ob der alte Kramer seine Frau in alles mit hineinziehen wird, kann Alexandra nicht einschätzen. Wenn sie es getan hat, hofft sie auf Gerechtigkeit. Wenn ihre Mutter schuldfrei ist, wird sie versuchen, sie zu überreden, einen Entzug zu machen. Vielleicht ist sie noch zu retten, jetzt, wo sie nicht mehr unter dem Einfluss ihres tyrannischen Mannes steht. Wer weiß, vielleicht finden die beiden irgendwann doch zueinander. Wenn nicht, dann soll es so sein. Weiter entfernen können sie sich ohnehin nicht mehr, selbst wenn Alex die Alkoholsucht in Gegenwart von Annegret das erste Mal laut aussprechen wird.
Sie hat vor zwei Tagen ihren alten Vermieter kontaktiert, und es gibt noch keinen Nachmieter. Der Großteil ihrer Möbel, die sie sich ablösen lassen wollte, ist noch da. Lediglich ihre persönlichen Dinge muss sie wieder in die Wohnung bringen, aber das kann warten. Sie konnte sich gestern noch den Schlüssel holen und dem Einzug steht nichts mehr im Wege. Sie liebte die Wohnung immer und sie doch behalten zu können, ist ein absoluter Glücksfall für sie. Ja, bei einem Neuanfang könnte man auch über eine andere Wohnung nachdenken, um die negativen Ereignisse nicht täglich vor Augen zu haben. Aber Alexandra sieht es genau umgekehrt. Dieser Ort, der ihr immer Geborgenheit gab, ist ein Beweis dafür, wie stark sie in Wirklichkeit ist. Alexandra ist sich sicher, dass sie ihren Triumph tagtäglich auf dem gemütlichen Sofa auskosten wird. Geld ist, sobald das Schmerzensgeld ausgezahlt ist, erstmal ausreichend vorhanden.
Alexandra war ziemlich fleißig in den letzten Tagen. Tom und sie gehen jetzt nach Hause. Sie ist stolz, ihn rausgehauen zu haben und ihn nun dorthin zu bringen, wo er hingehört. Sie hat für Tom eine Überraschung vorbereitet. Diese wartet in der Wohnung auf ihn.
31. Dezember
Auf ihrer Couch sitzen zwei volltätowierte Mitglieder der Hells Angels, die stinksauer auf Tom sind. Die gleichen zwei Typen, die sie vorgestern abgepasst haben, um sich zu holen, was ihnen gehört. Alexandra kam beinahe um vor Angst, als die beiden Schläger vor dem Bürokomplex standen, in dem sie arbeitet. Sie war geschockt, später dann aber auch irgendwie froh, denn die beiden haben Licht in die Sache gebracht. Anfangs drohten sie ihr, aber die Jungs waren nicht so böse, wie sie vorgeben wollten. Alexandra hatte ihnen nichts getan und konnte ihnen weismachen, dass sie bisher keine Ahnung von Toms Machenschaften hatte. Scheinbar gibt es so etwas wie einen Ehrenkodex, denn sie krümmten ihr kein Haar. Sie unterhielten sich einige Zeit und schließlich trafen sie eine Vereinbarung. Sie machte ihnen weiß, dass sie Tom aus der Haft holen kann, auch wenn sie ihn am liebsten bis zum Ende seiner Tage dort schmoren lassen wollte. Aber das hätte auch zur Folge gehabt, dass Leopold und ihr Vater dann davongekommen wären, und Alex wollte sie alle kriegen. „Wenn er verurteilt wird, habt ihr keinen Zugriff auf ihn und ihr wollt ihm den Verrat doch sicher nicht durchgehen lassen. Lasst mich gehen und ich serviere euch dieses Schwein auf dem Präsentierteller“, schlug sie vor.
Alexandra hatte bereits einen leisen Verdacht, aber sie war sich nicht sicher. Tom hatte sich verraten. Damals bei der Nachricht seines Anwalts an sie. Er wusste Dinge, die er nicht wissen konnte. Alex war zu dem Zeitpunkt jedoch so geblendet, dass sie es nicht sofort sehen wollte. Später fiel es ihr jedoch wieder ein. Beim Umzug sind ihr einige Unterlagen in die Hände gefallen, die sie stutzig machten, und die zwei Typen haben ihr so manche Geschichte erzählt, die ihr beinahe den Boden unter den Füßen wegriss. Damit hatte sie alle Puzzleteile zusammen.
Sie hat den Kerlen nicht nur versprochen, Toms Schulden zu begleichen, sondern würde ihnen einen Bonus zahlen, wenn sie Tom – wie auch immer sie es für richtig halten – aus dem Weg räumen und dafür sorgen, dass er nie wieder hier auftaucht.
Thomas Bauknecht hat sich die falschen Personen zu Feinden gemacht. Mit den beiden Kerlen sollte man sich besser nicht anlegen, mit Alexandra Kramer noch viel weniger.
Leise summt sie eine liebgewonnene Melodie vor sich her. „Because I'm bad, I'm bad – come on you know - I'm bad!“
ENDE
Ich hoffe, meine 31DAYSOFDARKNESS haben dich gut unterhalten!
Wie versprochen wartet noch ein Bonus und ich habe mir etwas Besonders einfallen lassen.
Es ist also noch nicht vorbei!
Wie versprochen wartet am Ende ein Gewinnspiel auf euch und ich habe mir etwas Besonderes einfallen lassen.
Die entscheidende Frage lautet:
Welchem besonderen Herzensmenschen habe ich dieses Buch gewidmet?
Dazu habe ich ein Rätsel gestaltet. Wer fleißig mitgelesen hat, wird die Lösung finden.
Was gibt es zu gewinnen?
Keine Bücher. Die könnt ihr in meinem Newsletter regelmäßig gewinnen. 🖤
Dieses Mal verlose ich ein persönliches Leseerlebnis:
Unter allen richtigen Einsendungen verlose ich die
Read-like-Jana-Thriller-Box – prall gefüllt mit all den Dingen, die ich beim Lesen liebe und immer um mich haben möchte.
(PS: Mein Mann wollte erst mit rein – passt aber leider nicht in die Box ☺️
Ansonsten ist alles dabei, was man für einen richtig gemütlichen Leseabend braucht.)
So kannst du teilnehmen:
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👉 Rätseln, Lösung einsenden, brav sein…
📅 Einsendeschluss: 31.01.2026 an jana.martin@gmx.com
Viel Glück! 🍀